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Beiträge zur Banater Geschichte: Turbulenzen

Die Turbulenzen der Jahre 1918-1919 in Temeschburg

Im Sommer des Jahres 1918 nahmen die Kriegshandlungen für die Entente eine günstige Wende. Kaiser Karl, der nach dem Tode Kaiser Franz Josephs (1916) den Habsburger Thron bestieg, erkannte, daß der Krieg für die Mittelmächte nicht zu gewinnen war und bemühte sich daher um seine baldige Beendigung. In seinem Manifest vom 16. Oktober 1918 versprach er, die Monarchie in einen Bundesstaat umzubilden. Die Monarchie war aber nicht mehr zu retten. Sie zerfiel in mehrere Nationalstaaten. Ungarn löste sich von Österreich und wollte einen unabhängigen Staat bilden, die von nichtungarischen Nationen und Nationalitäten bewohnten Gebiete aber für sich bewahren. Am 25. Oktober bildete sich ein ungarischer Nationalrat. Die Revolution brach aus. Kaiser Karl dankte am 13. November 1918 ab, und am 16. November 1918 wurde die ungarische Republik ausgerufen.

Am 26. November 1918 kam es in Belgrad zwischen den Vertretern der Entente-Mächte und der ungarischen Regierung Karoly zum Waffenstillstandsvertrag. In diesem verpflichteten sich die Ungarn, auf die Fiktion des einheitlichen Nationalstaates zu verzichten und den im Lande lebenden nichtungarischen Volksgruppen das Recht einzuräumen, ihren Willen in Bezug auf ihre zukünftige staatliche Zugehörigkeit in demokratisch gewählten "Nationalräten" aufgrund des Selbstbestimmungsrechtes zu äußern.

Die stürmischen Ereignisse im Spätherbst 1918 verschärften auch die Lage im Banat. Am 26. Oktober 1918, anläßlich einer großen habsburgerfeindlichen Kundgebung in Temeschburg wurde die Statue des österreichischen Generals Anton Freiherr Scudier, der sich um die Stadt unvergängliche Verdienste erworben hat, vom Sockel gestürzt. Ein Temeschburger Blatt kommentierte dieses Geschehnis folgendermaßen: "Die Statue wurde mit einer Stange herabgestürzt. Es ist unwichtig, von wem. Auch zahlt es sich nicht mehr aus, diese wieder aufzustellen. Sie verkörperte eine alte vergangene Zeit des Militarismus, Servilismus und die Verherrlichung von Idolen". (Der Sockel des Denkmals stand bis Juni 1959 im ehemaligen Scudierpark und trug eine "elektrische Uhr". Sollte dies wohl anzeigen, daß Ruhm, Verdienst und Zeit vergänglich sind?, fragte sich ein Stadtchronist der dreißiger Jahre). Einen Tag darauf, am 27. Oktober 1918, schlugen Demonstranten der Frauenstatue des "Denkmals der Treue" auf dem Prinz-Eugen-Platz den Kopf und eine Hand ab. An den Hals hing man ihr eine Tafel darauf geschrieben stand: "Österreich ist tot"!

Während die Banater Rumänen den Anschluß des Banates an Rumänien forderten, waren die Banater Ungarn bestrebt, dieses Gebiet für Ungarn zu bewahren. In den Reihen der führenden Kreise der schwäbischen Bevölkerung herrschte keine einheitliche Stellungnahme. Dr. Kaspar Muth und seine Anhänger beriefen am 20. Oktober 1918 in Temeschburg eine Versammlung ein. Im Namen der Banater schwäbischen Bevölkerung nahm man eine Resolution an, in der entschieden für einen unabhängigen ungarischen Staat und die territoriale Integrität der Grenzen des mittelalterlichen Ungarns Stellung bezogen wurde. Für die mitwohnenden Nationalitäten forderte man kulturelle Rechte. Eine ähnliche Erklärung verabschiedete einstimmig auch der Stadtrat in seiner Sitzung vom 28. Oktober 1918. Dieser Erklärung fehlte aber die demokratische Grundlage, weil im damaligen Stadtrat die Rumänen nicht vertreten waren. Die weiteren Stellungnahmen der Banater Schwaben sind uns bereits bekannt.

Zu den zahlreichen Strömungen und Tendenzen, die sich im Herbst des Jahres 1918 im Banat geltend machten, gehörten auch die Autonomiebestrebungen. Zu ihnen zählten vorwiegend ungarische, deutsche und jüdische Intellektuelle. Sie waren der Meinung, die Autonomie des Banates wäre die geeignetste Lösung, diese Provinz vom Schlimmsten zu bewahren. Am 31. Oktober 1918 konstituierten sich Militärräte nach Nationalitäten. So wurden der rumänische, der ungarische, der schwäbische, der jüdische und der serbische Militärrat gegründet. Anläßlich der Konstituierung der Militärräte im Militärkasino sprach Dr. Otto Roth, Vertreter der Sozialdemokraten, über die Autonomie des Banates und deren Notwendigkeit in der gegenwärtigen Situation. Er unterstrich die Wichtigkeit, den Banater Volksrat ins Leben zu rufen, als ein Organ, in dem alle im Banat lebenden Nationalitäten vertreten sein sollten. Die anwesenden rumänischen Offiziere distanzierten sich von dieser Ansicht und wollten erst den Beschluß des Rumänischen Nationalrates abwarten. Auf Drängen der Anwesenden hin erklärten sie sich aber bereit, mit den anderen Militärräten der Nationalitäten in der Frage der Versorgung der Bevölkerung und der Wahrung der öffentlichen Ordnung zusammenzuarbeiten. Die Leitungsmitglieder der Sozialdemokraten beschlossen anläßlich des für den nächsten Tag angesagten Meetings die Republik auszurufen. Dr. Otto Roth als ziviler Volkskommissar für das Banat und Oberstleutnant Albert Bartha als Militärkommissar, sollten gemeinsam mit dem Banater Volksrat die Führung der Provinz übernehmen. Vom Balkon des Rathauses rief Dr. Otto Roth am 1. November 1918 die Banater Republik aus!
Am selben Tag fand auch die Gründungssitzung des Banater Volksrates statt, dem 20 Mitglieder des Stadtrates, 60 Mitglieder der militärischen Nationalräte, 40 Vertreter des Arbeiterrates und 70 Vertreter der bürgerlichen Parteien angehörten. Sodann wurde ein aus 20 Personen bestehendes Exekutivkomitee des Volksrates gewählt. Man traf einige Maßnahmen zur besseren Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Konsumgütern.

Die Autorität des Banater Volksrates wurde aber nicht beachtet, da die rumänische Mehrheit des Banates keine Autonomie wünschte, sondern die Verwirklichung ihres nationalen Anliegens, der Vereinigung mit dem Königreich Rumänien.
Die Rumänen des ungarischen Siebenbürgens, des österreichischen Buchenlandes und des russischen Bessarabiens sprachen ihre Vereinigung mit dem rumänischen Königreich unter der Dynastie Hohenzollern-Sigmaringen in einem großrumänischen Staatsverbande aus. Das Schicksal des Banates war noch unentschieden. Die Entente-Mächte hatten es, offenbar für den Fall ihres Sieges, in Geheimverträgen sowohl Serbien wie auch Rumänien zugesagt. Trotz des Protestes der rumänischen Regierung beim Obersten Rat in Paris hatten die Serben am 17. November 1918 Temeschburg und das Banat bis an die Marosch - mit Ausnahme des östlichen, hauptsächlich von Rumänen bewohnten Teils - besetzt und die Verwaltung an sich gerissen. Rumänien verurteilte das willkürliche Vorgehen der Serben. Ja, es ging sogar so weit, den Entente-Mächten zu drohen, Rumänien werde das ganze Banat von den Serben mit Waffengewalt erobern. Um es nicht zu einem militärischen Konflikt zwischen diesen beiden Staaten kommen zu lassen, besetzten auch französische Militäreinheiten das Banat. Am 3. Dezember 1918 zogen französische Truppen in Temeschburg ein. Es waren Kolonialeinheiten aus Marokko und Algier, unter dem Kommando von General Gambetta. Die Bürger sahen erstaunt auf die roten Turbane und Mützen der französischen Soldaten. Die Franzosen gaben an, Überwacher der serbischen Besatzer zu sein. Ihr Oberkommando befand sich im Lloyd-Palais. "Die Stadt fand kaum Schutz bei ihnen", wurde damals festgestellt. In ihrem Benehmen waren die französischen Soldaten grob und anspruchsvoll. Sie beschlagnahmten eine Reihe von Gebäuden. Institutionen, Internate und Schulen mußten geräumt werden. In der Spiritusfabrik forderten die französischen Soldaten, man möge für ihre Pferde Wohnungen räumen. Nur mit Mühe konnten sie überzeugt werden, mit den Fabrikstallungen vorlieb zu nehmen.

Am 5. Dezember 1918 zog General Gambetta mit seinen Einheiten nach Arad. Seine Stelle in Temeschburg nahm eine aus 15.000 Soldaten bestehende französische Division unter General Farret ein.
Obwohl die französische Anwesenheit einen Einfluß auf die militärisch-politische Lage hatte, fiel den Einheiten der serbisch-königlichen Armee vom November 1918 bis zum Juli 1919 die Rolle der wichtigsten militärischen Besatzungsmacht zu.

Die serbischen Besatzungsbehörden verstärkten ihre Annexionspropaganda. Am 17. Dezember 1918 veranstalteten sie in Temeschburg Festlichkeiten zu Ehren des Geburtstages von König Alexander, des späteren jugoslawischen Königs. Bei diesen Kundgebungen beteiligten sich jedoch nur die Lokalbehörden und jene der Besatzungsmächte. Einige Tage nachher erklärte der Kommandant der serbischen Besatzungstruppen, seine Einheiten würden so lange im Banat bleiben, bis die Pariser Friedenskonferenz einen endgültigen Beschluß über die Provinz fassen werde.
Als der Serbische Nationalrat von Neusatz (Novi Sad) im Dezember 1918 serbisch verfaßte Verfügungen nach Temeschburg schickte und von der Stadtverwaltung statistische Daten verlangte, überging der damalige Bürgermeister Josef Geml diese mit Stillschweigen. Das Temeschburger Bürgermeisteramt war nicht gewillt, sich verwaltungsmäßig dem Serbischen Nationalrat von Neusatz zu unterordnen.
Indessen spitzten sich in Temeschburg die Beziehungen zwischen der Bevölkerung und den fremden Besatzungsbehörden immer mehr zu. Am 29. Januar 1919 kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen serbischen Militärangehörigen und den Mitgliedern der Volksmiliz. Am 20. Februar 1919 übernahm die jugoslawische Regierung die gesamte Zivilverwaltung des Banates. Der serbische Rechtsanwalt Martin Filipon (aus Alibunar) wurde zum Temescher Komitatsvorstand ernannt. Die wichtigsten Verwaltungsstellen wurden serbischen Bürgern zugeteilt. Der Werschetzer Ingenieur Reinhold Heegn wurde zum Temeschburger Obergespan ernannt. Er sollte die schwäbischen Führer dazu bringen, sich für den Anschluß des ganzen Banates an Südslawien auszusprechen. Man versprach sogar, in Temeschburg eine deutsche Universität zu gründen, wenn sich die Banater Schwaben für einen Anschluß an Südslawien erklärten.

Am 21. Februar 1919 1östen die neuen Behörden alle Nationalräte auf. Diese Übergriffe der serbischen Regierung und Besatzungsbehörden stellten eine Verletzung des Belgrader Waffenstillstandsabkommens dar, beeinträchtigten die politischen Rechte der Banater Bevölkerung und lösten bei den Volksmassen gewaltige Empörung aus. In Temeschburg und in anderen Industriezentren des Banates begann ein politischer Generalstreik gegen die fremden militärischen Besatzungsbehörden. Kurz vor dem 1. Mai verbot das Temeschburger Oberkommando der Besatzungstruppen jede Art von Kundgebungen und stellte an verschiedenen Stellen der Stadt Kanonen auf. Die Welle der Streiks und Massenkundgebungen setzten im Juni und Juli 1919 emeut ein und fanden ihren Höhepunkt im Generalstreik vom 21. Juli 1919. All dies schaffte günstige politische Voraussetzungen für die bevorstehenden Verwirklichungen des Beschlusses von Karlsburg (Alba-Iulia), für die Vereinigung des Banates mit Rumänien. Durch die politisch-diplomatische Tätigkeit von Abgesandten der rumänischen Regierung bei den in Temeschburg stationierten Truppen der Entente, wurden die Stellungnahmen der führenden Kräfte der im Banat lebenden Nationalitäten getestet. Während schon in der zweiten Hälfte des Monats Mai rumänische Truppen in Arad und Lugosch einrückten, dauerten in Temeschburg diese Unterredungen fort.
Indessen begannen die Serben aus verschiedenen Institutionen und Fabriken Maschinen, Gerätschaften, ja sogar Möbelstücke wegzuschleppen. Es war ein Anzeichen dafür, daß sie die Stadt bald verlassen würden.

Im Juni unternahmen die serbischen Okkupanten wiederholte Versuche für den Anschluß Temeschburgs und der Komitate Temesch und Torontal an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen zu werben. Da die Bemühungen keinen Erfolg brachten, begannen sie immer mehr bewegliches Gut aus Temeschburg und Umgebung, sowohl aus staatlichen Institutionen als auch aus Privatunternehmen, wegzuschaffen. So zum Beispiel verluden sie Maschinen aus der Tabakfabrik auf Schiffe, um diese auf der Bega nach Serbien zu befördern. Dies löste aber den heftigen Protest der Bevölkerung aus. Man weiß sogar von einer Maßnahme, die den Plünderungsabsichten der Serben ein Ende bereitete. Durch eine telefonische Verfügung wurde in Costei das Wasser der Bega über die dortigen Schleusenvorrichtungen in die Temesch umgeleitet und so die Bega trockengelegt. Die serbische Besatzung Temeschburgs dauerte trotzdem bis zum 27. Juli 1919, als die königlich-serbischen Besatzer mit Martin Filipon an der Spitze Temeschburg verließen, ohne sich von jemandem zu verabschieden, wie Bügermeister Josef Geml in seinen Memoiren ironisch bemerkt.

Bis dahin hatten in den meisten Zentren des Banats rumänische Truppen die Stelle der Besatzer eingenommen. Am 18. Juli 1919 traf eine vom Regierungsrat aus Hermannstadt entsandte Kommission in Temeschburg ein, die den Auftrag hatte, mit dem französischen und serbischen Kommandanten den Abzug der serbischen Truppen und die Übernahme der "Macht" durch die Rumänen zu verhandeln. Die Kommission begann am 19. Juli 1919 ihre Arbeiten unter dem Vorsitz des französischen Generals De Tournadre und legte bloß eine vorläufige Trennungslinie fest, hinter die sich die königlich-serbischen Truppen vom 28. Juli bis zum 3. August 1919 zurückzuziehen hatten. Am 25. Juli 1919 ernannte der rumänische Regierungsrat in Hermannstadt den Temeschburger Rechtsanwalt Dr. Aurel Cosma zum Präfekten des Komitates Temesch-Torontal und der Stadt Temeschburg, und am 28. Juli 1919 übernahm Dr. Cosma die rumänische Verwaltung. Am Vormittag des 2. August 1919 trafen, aus Arad kommend, die ersten rumänischen Soldaten in Temeschburg ein. Am 3. August 1919, es war ein Sonntag, fand auf dem Domplatz der offizielle Empfang der rumänischen Truppen statt. Der Domplatz führt seither den Namen "Piata Unirii" (Platz der Vereinigung).

Rumänien forderte in Paris die Durchführung des Vertrages von 1916 und die Überlassung des ganzen Banates an Rumänien. Die Entente-Mächte, vor allem Frankreich, gaben den Rumänen und Serben den Rat, sich unbedingt über die Teilung des Banates zu einigen. Nach Teilungsvorschlägen der Engländer, Italiener und Amerikaner unterbreitete am 13. März 1919 die französische Kommission ihren Kompromißvorschlag, der trotz heftigen Protestes des rumänischen Ministerpräsidenten Ion Bratianu Annahme fand und die Aufteilung des Banates in drei Teile bestimmte. Die Gutheißung der serbisch-rumänischen Vereinbarung über die Teilung des Banates durch den Obersten Rat in Paris erfolgte am 21. Juni 1919. Nach der Einigung begannen die Serben den östlichen Teil des Banates zu räumen. Nachdem auch im Friedensvertrag von Trianon - 4. Juni 1920 - die von beiden Seiten vereinbarten Grenzen anerkannt wurden, blieben sie endgültig. Durch die Teilung fiel der größte Teil des Banates - 18.715 km² -  mit Temeschburg und dem Arader Komitat - 6.248 km² - an Rumänien, der südliche Teil - 9.307 km² -  an Jugoslawien, der südliche Marosch-Theiswinkel - 271 km² - verblieb bei Ungarn. Die Entscheidung fand ihre Bestätigung im Vertrag von Sevres vom 10. August 1920, mit dem die Grenzen zwischen Jugoslawien und Rumänien festgelegt wurden. Durch die Konvention von Belgrad vom 24. November 1923 fand die Grenzregulierung ihren Abschluß. Dadurch fielen Modosch und Kudritz an Jugoslawien, Hatzfeld und GroßScham an Rumänien.

Richard Weber


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