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Beiträge zur Banater Geschichte: Die Episoden

Aus dem Buch "Sonnenräume und Schattenseiten" von Jakob Dietrich
Das Kapitel "Den Sowjets entflohen" erzählt die gelungene Flucht eines Grabatzers, der schon Richtung Rußlanddeportation unterwegs war. 


Den Sowjets entflohen

Hans Hackbeil war einer von Millionen Gefangenen, welche die Sowjets nach Kriegsende zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion überführten oder überführen wollten. Was die deutschen Soldaten dort erwarten würde, mußten die meisten von ihnen erahnt haben, denn bei Kriegsende versuchten ganze Einheiten sich, den Weg zu den Westalliierten zu bahnen, um sich in der amerikanischen oder englischen Gefangenschaft einen Übergang ins Zivilleben zu erwirken. Das Schändliche dabei war, daß viele der deutschen Soldaten, die in amerikanische Gefangenschaft geraten waren, einfach den Sowjets ausgeliefert wurden. Ich hab dies selbst erlebt u.zw. im Lazarett von Pisek in der Tschechei, wohin ich mit meiner dritten Verwundung eingeliefert worden war. Bei uns Verwundeten, die nicht in der Lage waren, auf eigenen Beinen die Flucht vor den anrückenden Sowjets zu ergreifen, ging die Angst um. Es war dies eine Angst, die wohlbegründet im Raum stand und die sich aus Mitteilungen nährte, die aussagten, daß die Sowjets mit den Angehörigen der Waffen-SS kurzen Prozeß machten, indem sie diese einfach ins Jenseits beförderten. So ergriff man auch im Lazarett die wenigen bestehenden Möglichkeiten, die Aussicht auf eine mildere Behandlung der Verwundeten haben konnten, nämlich die Vernichtung der Soldbücher und die Änderung der Dienstgradbezeichnungen auf den Krankentafeln, indem aus einem Sturmmann ein Gefreiter, aus einem Rottenführer aber ein Obergefreiter wurde. So mußte man sich auf Gedeih und Verderb dem Schicksal beugen und der Stunden harren, die nun kommen würden.

Doch welch unerwartete Wendung, welch freudig aufgenommene Fügung des Schicksals, deren Verkünder eine Krankenschwester war, die zum Fenster des Stockwerkes hinausgesehen hatte. Die Amerikaner waren in Pisek eingezogen. Amerikanische Panzer waren es, die den Lärm verursacht hatten. Da wurde es auch uns Verwundeten leichter ums Herz, da konnte man befreiter aufatmen, man wiegte sich in Geborgenheit. Zwar kamen bewaffnete Tschechen ins Krankenhaus, sahen sich grimmig die Verwundeten und die Krankentafeln an, verschwanden aber wieder, ohne jemanden mitzunehmen.

Doch die euphorische Gefühlsflut sollte allzubald getrübt werden, als wir nämlich während der nächsten Tage beobachten konnten, wie deutsche Soldaten, die sich den Amerikanern ergeben hatten, von diesen den Sowjets ausgeliefert wurden. Da zitterte man wieder um das eigene Schicksal. Nach ungefähr zwei Wochen - der Amerikaner hatte sich schon zurückgezogen und Pisek den Sowjets überlassen - kamen die "Amis" mit Lkw angefahren und evakuierten das Krankenhaus. Nun fiel doch der Stein vom Herzen. Wir waren den Amerikanern dankbar. Doch heute sieht man die damalige Lage vielleicht mit einem realistischeren Blick und muß einräumen, daß die Sowjets die Verwundeten damals als Gefangene deshalb nicht entgegengenommen haben, weil diese nicht arbeitsfähig waren.

Durch die Übergabe der gefangenen deutschen Soldaten in den ersten Tagen nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands an die Sowjets haben die US-Amerikaner, wenn auch auf höherer politischer Ebene ausgehandelt, eine schwere Gewissenslast auf sich geladen, denn sie wurden dadurch mitverantwortlich für den Tod alljener, die die sowjetische Gefangenschaft nicht überlebt haben. Mit diesem Makel muß nun auch die Bevölkerung jenes Staates leben, dem die demokratischste Regierungsform auf dieser Erde zugesagt wird.

Späterhin hat sich dann doch manches zum Positiven hin geändert, denn, nachdem die ersten in deutschem Dienst stehenden ehemaligen Sowjetsoldaten von den Amerikanern noch den Sowjets ausgeliefert wurden, konnten, angesichts der vielen Selbstmorde, die anderen in Deutschland verbleiben.

Hans Hackbeil war auch unter den vielen, die noch verspätet in die Sowjetunion gebracht werden sollten. Grübelnd saß er im Viehwaggon und als er feststellte, daß der Transport über Rumänien gehen würde, reifte in ihm der Entschluß zu fliehen, sofern sich ihm eine Gelegenheit bieten sollte. Die rumänische Sprache beherrschte er nur einigermaßen, konnte sich aber damit gewiß durchschlagen. Außerdem war es ja vielleicht möglich, sich im deutschen Sprachgebiet zu entfernen.

Doch dieses Ansinnen schien nie Wirklichkeit zu werden, denn die sowjetischen Wachsoldaten gaben sich keine Blöße. Weder in Arad noch in Schäßburg, wo der Transportzug anhielt, ergab sich eine Möglichkeit zur Flucht. Während der ganzen Fahrt in die Gefangenschaft mußte er immer wieder an sein Zuhause denken, an seine Familie, an sein Heimatdorf Grabatz, an alle, mit denen er sich verbunden fühlte. Da zog die unbeschwerte Kindheit an ihm vorüber, die er noch unter den Habsburgern und unter ungarischer Oberhoheit verbracht hatte. Er erinnerte sich gerne daran; den Madjarisierungsdruck hatte er nicht wahrgenommen, da im Hause nur deutsch gesprochen wurde, das Banatschwäbische in seinem urwüchsigen Grabatzer Dialekt, der gewissermaßen auf alle Herkunftsorte der Einwanderer hinwies, jedoch im Pfälzischen sein Mittelgerüst gefunden hatte. Erst in der Schule, als man schon von der ersten Klasse an das Ungarische erlernen mußte, war ihm klar geworden, daß man nur die Rolle einer Minderheit im Vaterland spielen konnte. Für ihn war jedoch der Schulbesuch mit Schwierigkeiten verbunden gewesen, da während des Weltkrieges die Schulräume für verwundete Soldaten zur Verfügung gestellt werden mußten, die hier sozusagen weiterbehandelt wurden, nachden sie schon das Gröbste hinter sich hatten. Auch an die Vorbereitung auf die Gymnasialklassen durch Pfarrer Wilhelm Brevis mußte er denken und an den Wegfall der ungarischen Sprache, die man nun, da auch Grabatz an Großrumänien angegliedert worden war, nicht mehr benötigte. Als er in Gedanken die Zeit des sportlichen Aufschwungs wiedererlebte, konnte man aus seinen Zügen ein Schmunzeln wahrnehmen, sah er sich doch als linker Flügelflitzer auf dem Grabatzer Fußballplatz, wo er seinen Platz immer neben der Außenlinie eingenommen hatte. Verdammt schnell war er gewesen, sowohl beim Spurten wie auch beim Laufen. Er erinnerte sich auch des Fans, der immer seinen eigenen Stuhl mit auf den Sportplatz gebracht hatte und sich einen Sonderplatz gleich neben der "Tatschlinie" aussuchte. Und bei einem Angriff auf das Tor des Gegners war es dann passiert, als er, Hans Hackbeil, bei dem Versuch der Ballannahme, das Stuhlbein des Zuschauers abgeschlagen hatte, worauf dieser den Sturz nicht vermeiden konnte. Das war für die Zuschauer eine lustige Einlage gewesen nach der Devise: "Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen".

Dann aber wurden seine Züge ernster. Er dachte an seine Frau und an die beiden Kleinen, Walter und Irene, die jetzt drei bzw. ein Jahr alt waren. Was sollte aus ihnen werden ohne Vater? Wie würde seine Frau damit zurecht kommen? Wenn sein Vater noch leben würde, der würde für die Familie sorgen. Doch Vater hatte sich am Tage der Flucht vor den Russen dermaßen aufgeregt, daß er an Herzversagen verstarb. Nein, es grauste ihn, wenn er daran dachte; es mußte etwas geschehen! Unter allen Umständen mußte er den Versuch wagen, den Sowjets zu entkommen. So wartete er zielstrebig auf einen günstigen Zeitpunkt, der sich noch auf rumänischem Boden einstellen mußte, denn,war man auf sowjetischem Gebiet, wurde eine Flucht wegen der nicht beherrschten Sprache aussichtslos.

So erreichte der Gefangenentransport Kronstadt, das im Rumänischen mit "Brasov" bezeichnet wurde. Ein längerer Aufenthalt schien hier bevorzustehen, denn der Zug hielt außerhalb des Personenbahnhofs neben Lastzügen, die anscheinend noch nicht abfahrbereit waren. Die Türen der Waggons mit den Gefangenen waren geöffnet. Die Wachsoldaten schienen in ihrer Pflichterfüllung lässiger zu werden, glaubten sie doch wohl jetzt, wo man schon soweit von Deutschland entfernt war, nicht mehr an eine Fluchtmöglichkeit ihrer Gefangenen.

Als Hans Hackbeil zur Waggontür kam, sah er, daß der Wachposten Trauben in der Hand hielt und dabei vorbeigehenden Frauen zulächelte. Es müssen dies Trauben einer frühen Sorte gewesen sein, wie es im Banat die "Magdalena"-Trauben waren, die schon um den 20. Juli reif wurden. Die köstlichen Trauben schienen den Sowjetsoldaten ganz in Anspruch zu nehmen. Da durchzuckte es Hans Hackbeil: "Jetzt oder nie!" Sachte ließ er sich heruntergleiten, öffnete den Hosenriemen, ließ die Hose hinunter und schlüpfte unter den Waggon, um die große Not zu verrichten. Dabei streifte sein Blick den Wachposten, der ihn anscheinend nicht beachtete. Im

Nu war er auf dem Nebengleis und saß mit hinuntergelassener Hose einen Augenblick still, der Dinge harrend, die da kommen würden. Doch es geschah nichts, einfach nichts! Nun wiederholte sich die Prozedur ein Drittesmal, und als er neben dem dritten Gleis heraustrat, zog er die Hose in die Höhe, schloß den Hosenriemen und verschwand.

Noch konnte er es nicht fassen, daß seine Flucht unentdeckt geblieben war und versteckte sich hinter einem Gesträuch. Er wollte allein sein und glaubte hinter jedem, dem er begegnete, einen Verfolger zu spüren oder aber einen Denunzianten, der ihn verraten könnte. Wie lange er in diesem Versteck geblieben ist, ist ihm nicht bewußt geworden. Er hatte ja keine Uhr bei sich, die wurde ihm bei der Gefangennahme schon abgenommen. Jedenfalls hat er sich während dieser Zeit den weiteren Plan zu seinem Vorgehen zurechtgelegt. Er erinnerte sich eines Diplomingenieurs aus Siebenbürgen, der Vizepräsident der landwirtschaftlichen Kreisgenossenschaft von Kronstadt war und der in Helsdorf nahe Kronstadt ein landwirtschaftliches Anwesen hatte. Dieser hieß Johann Franz und war Gast der Familie Hackbeil gewesen, als er zum Zuchtviehkauf in Grabatz weilte. Zu ihm wollte Hans Hackbeil nun gelangen, dem freundlichen Siebenbürger Sachsen, der etwas älter als er war. So machte er sich auf den Weg und fragte sich durch, meistens bei älteren Leuten, in denen er Siebenbürger Sachsen vermutete. Helsdorf liegt nur 13 km von Kronstadt entfernt und nur 3 km von der bekannten Brenndorfer Zuckerfabrik. Das Burzenland war ja in Rumänien zu einem Begriff für Kartoffel- und Zuckerrübenbau geworden.

Doch Hans Hackbeil machte große Augen, als er den Gesuchten in dem ihm angezeigten Haus nicht antraf. Des Rätsels Lösung war aber, daß man ihn zum Hause seines Vaters gewiesen hatte, der denselben Namen trug. Die alten Leute waren aber freundlich zu ihm, und die Mutter des Gesuchten brachte ihn am Abend in dessen Haus im Dorfe, denn das Anwesen außerhalb des Dorfes war bereits vom Staat beschlagnahmt. Diplomingenieur Johann Franz galt jedoch im Dorf als verschollen. In Wirklichkeit war er aber in seinem eigenen Haus versteckt, denn der deutsche Mensch galt in jener Zeit als vogelfrei, und besonders die jüngeren suchte man, um sie zur Zwangsarbeit zu verpflichten.

Die Bauweise in Siebenbürgen mit den hohen Mauern und Toren läßt ein Eindringen unerwünschter Personen nur schwer zu. So gab es für die Versteckten mehr Sicherheit, konnten sie doch bei Gefahr ohne weiteres in ihr richtiges Versteck verschwinden. Hans Hackbeil wurde trotz größter Gefahr, die sich aus der Nichtanmeldung fremder Personen ergab, freundlich aufgenommen und verbrachte nun Tage, Wochen und Monate an der Seite des Hausherrn in einer Hinterkammer, aus welcher man bei Gefahr durch ein Fenster verschwinden konnte, um das richtige Versteck aufzusuchen. Dieses Versteck war in der Scheune eingerichtet, wo man zwischen fest aufgeschichtetem Stroh und Heu eine Aushöhlung geschaffen hatte, in der man sich sicher fühlen konnte.

Die beiden Menschen sind während dieser langen Zeit, über den Herbst und Winter bis in den Frühling hinein, Freunde geworden, wie man sie selten findet. Und sie erzählten sich gegenseitig Erlebnisse und Vorkommnisse und staunten darüber, wie zahlreich die erzählenswerten Ereignisse in einem Menschenleben sind. Johann Franz sprach über die Zeit seines Hochschulbesuches in Stuttgart/Hohenheim, über die Bruderzwiste im Volkstumskampf, über die achthundertjährige Geschichte der Siebenbürger Sachsen, über die Kirchenburgen und vieles andere. Aber auch Hans Hackbeil konnte gut mithalten, erzählte er doch über die Grabatzer Landwirtschaft und Viehzucht, über das theaterverrückte Dorf, das es fertiggebracht hatte, auch Operetten auf die Bühne zu bringen, über musikalische und sportliche Gepflogenheiten, über den Besuch des Hitler-Gauleiters "Uiberreiter", welchen er persönlich vierspännig in den Ort kutschieren durfte, aber auch über die Bienenzucht seines Vaters, die er nun fortsetzen müsse, sofern es die Gelegenheit dazu noch geben sollte.

Obwohl es Razzien im Dorf gab, sind sie von dergleichen verschont geblieben. Zwar mußten sie des öftern ihr Versteck aufsuchen, die Besucher waren aber Dorfleute, die andere Probleme hatten.

Einige Zeit nach der Ankunft des Banaters in Helsdorf hatte man Kontakte zu seiner Familie aufgenommen, denn die Fährten, auf die man sich seinetwegen begeben hatte, erheischten einen materiellen Ausgleich, welchen Hans Hackbeil natürlich aus eigener Tasche begleichen wollte. Viel Honig, aber auch Geld ist aus dem Banat nach Siebenbürgen geflossen, um nach dem "Händewaschprinzip": "Eine Hand wäscht die andere und beide das Gesicht!" die Weichen für eine legale Bewegungsfreiheit des Grabatzers zu stellen. So konnte Hans Hackbeil mit dem Frühlingsbeginn des Jahres 1946 als entlassener rumänischer Soldat nach Grabatz zurückkehren.

Dieser in Rumänien verankerte Sachverhalt, der mit dem Wort Bestechlichkeit von Staatsdienern gekennzeichnet wird, hatte doch, sofern ein guter Zweck damit verbunden war, auch seine zumutbaren Seiten. Und wer liefert sich schon ohne Gegenleistung einem derartigen Risiko aus?

Die Freundschaft, die durch dieses Ereignis zwischen den beiden Familien geschlossen wurde, hat das halbe Jahrhundert überdauert und wird von den Nachkommen weiter gepflegt. Im Gegensatz zu gewissen politischen Mißstimmigkeiten, die einen Schatten auf das Miteinander der beiden Volksstämme warfen, zeigt diese Freundschaft des wahren menschlichen Empfindens die warmherzige Bereitschaft, in menschlicher Nächstenliebe füreinander da zu sein.


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