DAS BANAT - EIN
EXPERIMENT DER HABSBURGER MONARCHIE
(1985)
"Verzeihung, können
Sie mir sagen, wo das Banat liegt?"
"Tut mir leid, noch
nie gehört."
"Entschuldigen Sie
bitte, wissen Sie vielleicht, wo das Banat liegt?"
"...Banat? Moment
mal, das liegt doch da unten irgendwo, in Ungarn oder
Rumänien oder..."
- unsicher werdend -
"gar in Jugoslawien. Nun, jedenfalls in Südosteuropa,
oder? So sicher bin ich mir da auch nicht, denn Geographie
war nie meine Stärke. Fragen Sie doch in einem Reisebüro
nach, dort müßte man es eigentlich wissen."
So oder ähnlich dürfte
wohl eine Umfrage lauten, die in jeder x-beliebigen Ortschaft
der Bundesrepublik Deutschland vorgenommen werden könnte.
Aber selbst Banater dürften
bei der genauen Lokalisierung ihrer Heimat Schwierigkeiten
haben. Die Wogen der Geschichte haben diese Landschaft
mehrmals überrollt, sie mit ihrer Wucht schließlich gespalten
und ihren Namen im Bewußtsein der mitteleuropäischen Völker
mehr und mehr in Vergessenheit geraten lassen.
Und doch hatte dieser
Landstrich von der Größe Belgiens einst auch mit dem deutschen
Sprachraum eine enge Verbindung. Vor zweieinhalb Jahrhunderten
zogen Tausende Familien deutscher Zunge in dieses Gebiet.
Ein großer Teil ihrer Nachkommen lebt auch heute noch
dort.
Aber blättern wir ein
bißchen in der Geschichte.
Ban hieß bei den Südslawen
und Ungarn ein hoher Regierungsbeamter. Sein Machtbereich
erstreckte sich auf eine Banschaft oder ein Banat, vergleichbar
in etwa mit einem Fürsten- oder Herzogtum. Im Mittelalter
gab es mehrere Banschaften im südosteuropäischen Raum,
doch nur eine einzige blieb unter dieser Bezeichnung (bis
ins 18. Jahrhundert hinein Temeswarer Banat, später
nur noch Banat) bestehen. Selbst die Türken und
die Habsburger beließen dem Gebiet seinen prosaischen
Namen und seine territoriale Einheit. Die war scharf umrissen:
Im Norden begrenzte es die Marosch (rum. Mures), im Süden
die Donau, im Westen die Theiß (rum./ung. Tisa), und im
Osten waren es die Südkarpaten.
Heute ist nur noch der
Name dieser Landschaft übriggeblieben. Ihre territoriale
Einheit ist dahin. So wollten es nach dem Zerfall Österreich-Ungarns
die Mächtigen der Welt, die das Gebiet zerstückelten,
ohne die Betroffenen selbst erst um Zustimmung zu fragen.
Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs, allen voran Frankreich
und England, setzten sich über historische, wirtschaftliche
und ethnische Gegebenheiten hinweg und teilten das Banat
auf drei Länder auf - Rumänien, Jugoslawien, Ungarn. Dabei
zerstörten sie, was dieses Gebiet mit seiner Vielfalt
an Völkern, Kulturen und Religionen im Verlauf von zwei
Jahrhunderten, nicht ohne innere Auseinandersetzungen,
allmählich geworden war: ein Modell für ein zukünftiges
vereinigtes Europa.
Anders als etwa in der
Schweiz bildete im Banat keine der dort wohnenden ein
Dutzend Volksgruppen die absolute Mehrheit. Somit waren
alle gezwungen, auch auf die Interessen der anderen Rücksicht
zu nehmen. Im Alltag hatte sich eine besondere Art des
Zusammenlebens entwickelt. Man war bemüht, dem anderssprachigen
Nachbarn wohlwollend entgegenzukommen und ihn - auch sprachlich
- zu verstehen, dabei aber seine Eigenart nicht aufzugeben.
So lieferten die rund 600 000 Rumänen, 450 000 Deutschen,
280 000 Serben, 200 000 Ungarn und die 150 000 Angehörigen
anderer Ethnien (Slowaken, Kroaten, Juden, Bulgaren, Tschechen,
Ruthenen/Ukrainer, Roma/Zigeuner) des Banats (Bevölkerungsstand
vor der Teilung des Banats 1919) den lebendigen Beweis
dafür, wie man trotz sprachlicher, kultureller und religiöser
Unterschiede ein Ganzes bilden kann.
Aber was war bis 1919?
Seine günstige Lage,
die Fruchtbarkeit seiner Ebene sowie die Bodenschätze
seines Berglandes (Kohle, Kupfer, Eisen, Silber) zogen
schon von alters her viele Völkerschaften an. Schließlich
machten sich die Daker darauf seßhaft. Sie wurden von
den Römern unterjocht, die ihrerseits von durchziehenden
germanischen Stämmen verdrängt wurden. Um das erste Jahrtausend
wurde das Banat dem ungarischen Königreich einverleibt.
Die mongolischen Reiterscharen des Dschingis-Khan plünderten
und verwüsteten es im zwölften Jahrhundert, doch sie zogen,
wie alle Nomadenvölker, schließlich wieder ab.
Dagegen blieben die Türken,
die 1526 die Ungarn besiegten, bis zu ihrer Vertreibung
durch die Armee des Prinzen Eugen von Savoyen im Land
(1716). Ihre Schreckensherrschaft hatte das Banat zum
wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang geführt.
Die Habsburger erhoben
das neuerworbene Gebiet zum kaiserlichen Kronland. Wirtschaftliche
und militärisch-politische Überlegungen bewogen sie dazu.
Es galt, das Habsburgerreich gegen die immer noch nicht
ganz gebannte Türkengefahr militärisch abzusichern und
durch die Besiedlung der neuen Provinz wirtschaftlich
zu festigen.
Was tut ein Herrscher,
wenn er in den Besitz eines großen, aber durch die Kriegswirren
fast völlig entvölkerten und verwahrlosten Gebietes gelangt?
Kaiser Karl VI. ließ zuerst die zerstörten Städte aufbauen
und Festungen errichten. Die hierzu erforderlichen Handwerker
und Verwaltungsbeamten kamen ab 1717 aus dem süddeutschen
Sprachraum sowie aus der Hauptstadt Wien ins Banat. Seine
Nachfolgerin, die Kaiserin Maria Theresia, setzte das
begonnene Unternehmen fort und rief bäuerliche Siedler
und Bergleute aus allen Ländern des Habsburgerreichs ins
Land. Den einzelnen Volksgruppen war dabei jeweils eine
bestimmte Rolle zugedacht: Deutsche, Ungarn, Kroaten,
Franzosen, Tschechen und Slowaken sollten das katholische
Element im Banat stärken und gegenüber den griechisch-orthodoxen
Rumänen und Serben zahlenmäßig einen Ausgleich schaffen.
Darüber hinaus sollten die Bulgaren den Obst- und Gemüsebau
fördern, die Italiener den Anbau von Reis und Baumwolle
sowie die Seidenraupenzucht einführen, die Rumänen und
Serben als Lehrmeister in der Schafzucht fungieren und
die Deutschen ihren anderssprachigen Nachbarn als Vorbild
dienen, nach "teutscher Art" Acker- und Weinbau
zu betreiben und sich bessere Wohnhäuser zu bauen.
Doch ein solch nationales,
konfessionelles und kulturelles Gemisch erzeugte natürlich
Spannungen, zumal nur etwa die Hälfte aller Ortschaften
"uninational", die andere Hälfte jedoch zwei-
oder mehrsprachig angesiedelt wurde. Anfangs kam es wiederholt
zu Feindseligkeiten, ja sogar zu Tätlichkeiten zwischen
der alteingesessenen Bevölkerung (meist Rumänen und Serben)
und den Kolonisten. Die Wiener Hofkammer tat jedoch alles,
um diese Konflikte schnellstens beizulegen, wobei sie
zuweilen auch zu drastischen Mitteln wie Zwangsumsiedlung
ganzer Bevölkerungsgruppen bzw. Ortschaften griff.
Schon nach wenigen Jahrzehnten
konnte das Experiment als gelungen bezeichnet werden.
Die K.u.K.-Nachfolgestaaten
nutzten dieses Experiment nur in unzureichendem Maße.
Immer wieder verfielen sie nationalistischen Bestrebungen,
durch Einschränkung der Minderheitenrechte, Agrarreformen
mit nationalistischem Hintergrund oder massive Ansiedlung
bestimmter Volksgruppen, um deren prozentualen Anteil
gegenüber den anderen Volksgruppen zu stärken (1920 staatlich
gelenkte Ansiedlung von 15 000-20 000 Serben aus Bosnien,
Montenegro und Südserbien auf den enteigneten Gütern des
Grafen Csekonics in dem an Jugoslawien zugesprochen Teil
des Banats, 1945 Ansiedlung von etwa 100 000 Rumänen aus
allen Landesteilen im rumänischen Banat).
Was bewog nun die deutschen
Bauern, Handwerker und Bergleute, ihre alte Heimat zu
verlassen und in die Fremde zu ziehen? Sie stammten größtenteils
aus den durch die Franzosenkriegen verwüsteten west- und
südwestdeutschen Gebieten und wollten dem Machtbereich
der landhungrigen und kriegswütigen französischen Herrscher
entfliehen. Sie hofften, wie jener Bauer aus dem Fürstenbergischen,
im Banat " das harth und miehsame stuckh Brodt ehender
als in hiesiger Landschaft verschwingen und verdienen
zu können".
Das "Colonisierungspatent"
des Herrscherhauses in Wien enthielt einige Punkte, die
den Abschied von der alten Heimat erleichtern und den
Neubeginn in der Fremde schmackhaft machen sollten: dreijährige
Steuerfreiheit, kostenloser Ansiedlungsgrund, Befreiung
von der Leibeigenschaft. Redegewandte Werbekommissare
taten ein Weiteres, um die Auswanderung als verlockend
erscheinen zu lassen. Selbst das Volkslied jener Zeit
fiel in den allgemeinen Lobgesang des Auswanderns ein
und weckte in manchem Heimatverdrossenen die Sehnsucht
nach der Ferne:
Das Ungarland ist's
reichste Land,
da wächst viel Wein und Treid (Getreide).
So hat's in Günzburg man verkündt.
Die Schiff stehn schon bereit.
Dort geit's viel Vieh und Fisch und Gflüg
und taglang ist die Weid.
Wer jetzo zieht ins Ungarland,
dem blüht die goldne Zeit!
Tausende folgten diesem
Aufruf. Anfangs verhielten sich die deutschen Landesfürsten
angesichts der Abwerbungspolitik des Wiener Herrscherhauses
neutral, weil sie es nicht wagten, dessen Anordnungen
zu sabotieren. Andererseits aber wollten sie ihre durch
die vielen Kriege ohnehin schon herabgekommenen Länder
durch den Verlust arbeitsfähiger Untertanen nicht noch
zusätzlich schwächen. Sie verlangten daher von den Auswanderern
- ähnlich wie im Jugoslawien der fünfziger Jahre und im
Rumänien Ceausecus - hohe Abzugsgelder. Außerdem wurde
jede Abwerbetätigkeit - z.B. durch Agenten - verboten.
Zuwiderhandelnde wurden verhaftet und wie im Fall des
Johannes Bläß aus Saargemünd zu lebenslanger Galeerenarbeit
verurteilt (1785).
Amtlicherseits verbreitete
man Schreckensnachrichten folgender Art: "Die Leute
mögen wissen, in was für eine Gefahr deß Lebens oder der
Ewigen Türckischen Sclaverey wie auch der Abschwörung
der Christlichen Religion und annemmung der Mahometanlichen
Sect sie sich samt ihren Kindern begeben und befinden
werden." Solche düsteren Prophezeiungen lagen zwar
durchaus im Bereich der Möglichkeit, aber sie hielten
die Auswanderungswilligen nicht von ihrem Vorhaben ab.
Viele zogen ohne amtliche Genehmigung heimlich aus.
Es gab aber auch solche,
die das Land ihrer Väter nicht freiwillig verließen und
zwangsweise ins Banat verschickt wurden, aufständische
Bauern wie jene aus Hauenstein/Südbaden.
Die Reise in das ferne
Banat war beschwerlich und zog sich über mehrere Wochen
hin: Anreise in einen bayerischen Donauhafen (Ulm, Regensburg,
Günzburg), Einschiffung, mehrtägige Unterbrechung der
Schiffahrt zwecks Registrierung in Wien, Ausschiffung
in Pantschowa/Pancevo im Südbanat, Weiterfahrt per Wagen
zum eigentlichen Bestimmungsort.
Das vielgerühmte Land
entpuppte sich im Norden und Westen als ein ödes, morastiges
Flachland, in dessen Sümpfen der Tod lauerte; der gebirgige
Südosten war von schier undurchdringlichen Wäldern bedeckt.
Die lehmgestampften, mit Schilfrohr gedeckten Ansiedlerhäuser
waren vom Militär und der zum Robot verpflichteten einheimischen
Bevölkerung oft noch nicht fertiggestellt, so daß viele
der Ankömmlinge ein bis zwei Jahre in Notunterkünften,
meist in schon bestehenden Neusiedlungen, in drangvoller
Enge mit den Hauseigentümern, untergebracht werden mußten.
Der erste Zustrom verebbte
bald.
Auf Betreiben der Kaiserin
Maria Theresia und ihrem Sohn Joseph II. strömten zwei
weitere Einwanderungswellen ins Banat und füllten die
Lücken auf, die der Tod in die Reihen der neuen Siedler
gerissen hatte. Die "pannatische Krankheit",
das Sumpffieber, sowie Cholera und Pest, flackerten immer
wieder auf und wüteten besonders unter den deutschen Siedlern
verheerend, da sie das Klima nicht gewohnt waren. Die
Chronik der Gemeinde Billed verzeichnet innerhalb von
6 Jahren 734 Tote bei insgesamt 908 Einwohnern; in der
Gemeinde Jahrmarkt starben von rund 2000 Einwohnern im
Verlauf einiger Monate 550 Personen an der Ruhr. Die alteingesessenen
Nachbarn, an das Klima gewöhnt und daher weniger seuchenanfällig,
prägten das Wort vom Banat als dem "Grab der Deutschen".
In einigen rumänischen und serbischen Banater Dörfern
heißt es von einem an Darmkatarrh erkrankten Menschen
zuweilen auch heute noch: Er hat den deutschen Dünnschiß.
In dieser Zeit entstand
wohl auch der Spruch:
Hier ist das Banat.
Wen's gereut, für den ist's zu spat.
Wer nit arbeitet wie ein Gaul,
nit frißt wie eine Sau,
nit bellt wie ein Hund,
der wird im Banat nit gesund.
Doch für die Überlebenden
und neu Hinzugekommenen ging das Leben weiter. Und Leben
bedeutete harte Arbeit: Anlegen von Entwässerungskanälen,
Urbarmachung und Bebauung des gewonnenen Neulandes, Robot,
Bau neuer Häuser und Wirtschaftsgebäude.
Als um die Mitte des
19. Jahrhunderts die Sümpfe trockengelegt waren, kamen
auch die Seuchen allmählich zum Stillstand.
Durch zähen Fleiß brachten
es die Banater Bauern zu einem vorerst bescheidenen, aber
stetig wachsenden Wohlstand. Ein neuer Spruch machte die
Runde:
Die ersten fanden
den Tod,
die zweiten die Not
und erst die dritten das Brot.
Infolge extrem hoher
Geburtenzahlen kam es besonders in den deutschen Ortschaften
zu einer wahren Bevölkerungsexplosion. Gegen Ende des
19. Jahrhunderts hatte sich die Zahl der Deutschen seit
der Ansiedlung trotz hoher Verluste auf das Sieben- bis
Achtfache erhöht. Die Hälfte der Bevölkerung bestand aus
Kindern und Jugendliche unter 16 Jahren.
Neuland gab es jedoch
keines mehr. Wohin also mit dem zahlreichen Jungvolk?
Ein neuerlicher Auswanderungszug setzte sich in Bewegung,
diesmal in Richtung Amerika. Unter den Zehntausenden von
Auswanderern befand sich auch die Familie Weißmüller,
deren Sohn Hans (Johnny) als Tarzan in die Geschichte
des Films und als Schwimmrekordler in die Geschichte des
Sports einging.
Mittlerweile war das
Banat aufgrund eines innerstaatlichen Abkommens der Doppelmonarchie
(1867 sogenannter "Ausgleich") von Österreich
an Ungarn abgetreten worden. Konkret hieß das, die Verwaltung
des Banats geschah ab sofort nicht mehr von Wien aus,
sondern von Budapest.
Der ungarische Staat
hielt nicht viel von Toleranz. Er verfolgte rücksichtslos
ein Ziel: alle seine Bürger sprachlich und kulturell zu
Madjaren umzubilden. Die Schulen der nichtungarischen
Bevölkerungsgruppen wurden madjarisiert (d.h. der muttersprachliche
Unterricht wurde durch das Ungarische ersetzt), ihre kulturellen
Einrichtungen verboten.
So gesehen, bedeutete
der Zerfall Österreich-Ungarns 1918 zwar die Rettung vor
der drohenden Madjarisierung, aber das Banat verlor seine
territoriale und staatliche Einheit. Das 28 523 Quadratkilometer
große Gebiet wurde auseinandergerissen und drei verschiedenen
Staaten zugeteilt. Rumänien erhielt zwei Drittel, ein
knappes Drittel fiel an den neugegründeten Staat Jugoslawien,
während Ungarn sich mit einem Restzipfelchen begnügen
mußte.
Wie sieht es heute, Mitte
der achtziger Jahre, in den drei Teilen des Banats aus?
Politisch gehören sie
alle drei demselben System an und stehen somit auch wirtschaftlich
in etwa auf gleicher Stufe. Für Volkskundler ist heute
das rumänische Banat insofern interessanter, als es dort,
im Gegensatz zu den beiden anderen Landesteilen, immer
noch eine starke deutsche Volksgruppe gibt. Sie ist zwar
auf die Hälfte ihres einstigen Bestandes gesunken, ist
aber immer noch die stärkste Minderheit. Neben etwa 800
000 Rumänen leben heute dort noch rund 150 000 Deutsche,
110 000 Ungarn, 35 000 Serben sowie je 5 000-10 000 Bulgaren,
Kroaten, Tschechen, Slowaken, Juden, Ukrainer und Zigeuner.
Jede Volksgruppe pflegt im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten,
die unter dem Ceausecu-Regime jedoch immer mehr eingeengt
werden, ihre eigene Sprache, eigene Traditionen und die
eigene Kultur. Der rumänische Staat bietet allen Nationalitäten
muttersprachlichen Unterricht bis einschließlich zum Gymnasium,
allerdings nur bei einer entsprechend hohen Schülerzahl.
Und die Banater Deutschen?
Die Nachfahren der Einwanderer
aus der Pfalz, dem Saarland, Lothringen, Luxemburg, Hessen,
Baden, Westfalen, dem Elsaß, Württemberg, Böhmen sowie
aus der Steiermark, Kärnten und Tirol sind im Lauf der
Zeit zu einem neuen Stamm zusammengeschmolzen. Man kennt
sie auch unter der Bezeichnung "Banater Schwaben".
Sie sind Teil des Stammes der Donauschwaben (Bezeichnung
aller deutschsprachigen Siedler, die im 18. Jahrhundert
im mittleren Donauraum angesiedelt wurden. Ihre Zahl belief
sich vor dem Zweiten Weltkrieg in Ungarn, Jugoslawien
und Rumänien auf 1,5 Millionen sowie etwa 300 000 in den
USA, Argentinien und Kanada).
In den einzelnen Ortschaften
kristallisierte sich aus der Vielzahl der Dialekte allmählich
ein gemeinsamer Dialekt heraus. Heute spricht man in den
ländlichen Gemeinden der Banater Ebene das sog. Banater
Schwäbisch, eine Mischmundart auf pfälzischer Grundlage,
in der Hauptstadt Temesvar und im Banater Bergland hingegen
bayrisch-österreichische Mundarten.
Die massenhafte Auswanderung
nach Übersee um die Jahrhundertwende hatte seinerzeit
die Banater Deutschen zahlenmäßig zwar geschwächt, wirkte
aber, gemessen an den Verlusten des Zweiten Weltkriegs,
recht harmlos.
Im jugoslawischen Banat
leben aufgrund der Verfolgungspolitik der kommunistischen
Partisanen fast keine Deutschen mehr. Zehntausende kamen
1945-1948 in den Konzentrationslagern um, in welche die
gesamte deutsche Bevölkerung gebracht worden war. Die
Überlebenden zerstreuten sich nach ihrer Entlassung in
alle Winde.
Im rumänischen Banat
lassen niedrige Geburtenzahlen und die Auswanderung in
den Westen die Zahl der Deutschen ständig schrumpfen.
Enteignung und Industrialisierung veränderten das soziale
Gefüge. Aus Bauern wurden Arbeiter. Viele zog es in die
Städte, Tausende pendeln zu ihren oft weit entfernten
Arbeitsplätzen in der Stadt. Von den Jugendlichen bleibt
kaum einer in der Landwirtschaft. Die meisten ergreifen
technische Berufe, viele studieren.
Aber dennoch: Die alten
Dorfgemeinschaften, entstanden und gefestigt im Verlauf
von zweieinhalb Jahrhunderten, funktionieren trotz zunehmender
Überfremdung immer noch. Geburt, Eheschließung und Tod
vollziehen sich wie eh und je in der Geborgenheit dieser
Gemeinschaft. Man nimmt Anteil am Schicksal des einzelnen.
Zu den anderssprachigen Nachbarn hat man im allgemeinen
ein gutes Verhältnis. Die Kirchweihfeste werden in allen
größeren Orten mit Trachtenumzügen gefeiert. Temeswar
(270 000 Einwohner) ist kultureller Mittelpunkt. Das Deutsche
Staatstheater und der deutschsprachige Schubert-Chor haben
dort ihren Sitz. Daneben gibt es im ganzen Banat zahlreiche
deutschsprachige Laienkunstgruppen.
In der kurzen Zeitspanne
seit der Kolonisation hat dieser Landstrich nicht wenige
Persönlichkeiten von europäischem Niveau hervorgebracht,
von denen aber viele frühzeitig die provinzielle Enge
ihrer Heimat verließen und erst in Wien, Budapest, Paris,
München, Berlin und London zu hohem Ansehen gelangten.
Die wichtigsten Namen dürften wohl auch heute noch bekannt
sein: Nikolaus Lenau, Otto Alscher, Marie Eugenie delle
Grazie, Franz Xaver Kappus, Doside Obradovic, Julius Alfred
Meier-Graefe (Literatur, Kunstgeschichte, Philosophie),
Karl Huber, Béla Bartok (Musik), Karl Sonklar von Innstädten
und Traian Vuia (Geographie bzw. Flugwesen).
Auffallend ist die Tatsache,
daß das rumänische Banat in den fünfziger und sechziger
Jahren eine Reihe von Sportlern von Weltformat hervorgebracht
hat: Ella Zeller und Angelica Rozeanu (Weltmeister im
Tischtennis), Jolanda Balász (Weltmeisterin im Hochsprung),
Hilde Lauer (Rudern, Olympiazweite in Tokio), Gertrude
Baumstark (Olympiasiegerin in Schach), Hans Moser, Hans
Redl und Hans-Günther Schmidt (Weltmeister mit der rumänischen
Nationalmannschaft, Letzter ab Anfang der siebziger Jahre
in der deutschen Nationalmannschaft).
Dreigeteiltes Land im
Südosten Europas, Vielvölkerstaat en miniature, Tor zum
Balkan: das Banat.
Helmfried
Hockl