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Beiträge zur Banater Geschichte: Die Episoden

Aus dem Buch "Sonnenräume und Schattenseiten" von Jakob Dietrich
Ein  Auszug aus "Und über all dem kreist des Schicksals Hand" stellt einen banatdeutschen Soldaten  zum Zeitpunkt erlebtes Kriegsende in Jugoslawien in den Mittelpunkt. 


... Hans Steger hatte sich recht bald die notwendigen Sprachkenntnisse angeeignet, die erforderlich waren, um mit der Zivilbevölkerung einen Tausch vorzunehmen. Da handelte man Zigaretten für Eier oder andere Lebensmittel ein. Hatte man dazu noch einige Bonbons, so machte man auch den Kindern eine Freude. Das war im Umgang mit der Zivilbevölkerung notwendig, um so in ein Gespräch mit den Zivilisten zu kommen. Natürlich mußte man diese immer auch nach den Partisanen ausfragen. Doch eine klare Antwort erhielt man nie. Da gab es ja auch noch die Ustaschas, Tschetniks und dergleichen Militärformationen, die neben dem deutschen Militär für Ruhe und Ordnung zu sorgen hatten. So redeten die Zivilisten sich meistens dahingehend aus, daß sie nicht wußten, wem eventuell durchziehende Formationen zugeordnet werden konnten.

Meine Frage, ob man gefangengenommene Partisanen ins Jenseits befördert hat, wies Hans Steger entrüstet zurück: "Ein deutscher Landser hat keinen einzigen Gefangenen umgelegt. Alle wurden zum Regiment überstellt." Daß die "Ustaschas" und "Tschetniks" dies anders gehandhabt haben, konnte er vom Hörensagen bestätigen, hatte dies jedoch nicht mit eigenen Augen gesehen. Oft geschah es auch, daß man in Ortschaften kam, die von der Zivilbevölkerung verlassen worden waren, wahrscheinlich durch das Einwirken der Partisanen, die den Einheimischen sugerierten, daß das Verbleiben von Frauen und Kindern das Risiko in sich tragen würde, daß diese von den deutschen Verbänden niedergemetzelt würden.

Diese Zeit zwischen Gebirgspferden, Mauleseln, königstreuen serbischen und kroatischen Verbänden einerseits und den Partisanen, die sich immer wieder durch gezielte Aktionen bemerkbar machten, andererseits ging langsam ihrem Ende zu. Die deutsche Wehrmacht war von der Sieger- auf die Verliererstraße geraten. Was blieb, war der Rückzug. Bei Kriegsende war die Einheit, in welcher Hans Steger Dienst tat, in Slowenien. Als es am 10. Mai 1945 die Verlautbarung gab, daß der Krieg beendet sei und jeder sich auf gut Glück in seine Heimat begeben könnte, entledigte man sich der Waffen, die, einschließlich der Pferde, von königstreuen jugoslawischen Verbänden freudig wieder in Besitz genommen wurden, denn diese waren größtenteils nicht bereit zu kapitulieren, wußten sie doch, daß sie bei den Partisanen keine Gnade zu erhoffen hatten. Doch die Deutschen gaben auf. Der deutsche Soldat handelte auf Befehl. Und dieser hieß jetzt Kapitulation. Die meisten waren des Krieges müde geworden. Heim wollte man, heim zur Familie, zu den Freunden und Bekannten, zu den Plätzen, an denen man sich geborgen fühlte, bevor der große Krieg begonnen hatte.

Doch das Wunschdenken sollte nicht in Erfüllung gehen. Die Partisanenverbände waren Herr der Lage und hatten das Gebiet unter Kontrolle; alle Straßen und Wege wurden überwacht. So befand sich schließlich auch Hans Steger unter den fünftausend Angehörigen der Deutschen Wehrmacht, die auf einer großen Wiese als Gefangene zusammengetrieben wurden. Der Gefangenenzug von Slowenien in Richtung Belgrad, der von den Partisanen als Triumphmarsch ihres Sieges verstanden wurde, gestaltete sich, bedingt durch die heißen Tage, zu einem mühevollen Dahinkriechen, bei welchem der Durst die Rolle des Peinigers übernommen hatte. Dessen ungeachtet hielten die Bewacher den Zug in zügiger Fortbewegung, wußten die Marschierenden doch, daß jeder Ausfall, jedes Versagen, den sicheren Tod bedeutet hätte. Die Opfer lagen als abschreckendes Beispiel am Straßenrand. Da machten die Partisanen kurzen Prozeß. Sie freuten sich hämisch und sagten: "Ein Deutscher weniger!" Ja, so war es, die Deutschen waren zum Freiwild im titoistischen Jugoslawien geworden. Der Haß der Partisanen richtete sich vor allem gegen die Jugoslawiendeutschen. Sie waren in diesem Elendszug nicht mehr dabei. Man hatte sie gleich nach der Gefangennahme ausgesondert, indem man versprochen hatte, daß die deutschen Soldaten, welche in Jugoslawien beheimatet sind, zu ihren Familien zurückkehren können. Doch dies war eine Arglist, eine Finte, um der Jugoslawiendeutschen habhaft zu werden. Sie meldeten sich und wurden prompt auch weggefahren. Nachts hörte man dann aus dem Gebirge Maschinengewehrfeuer.

Die Bewacher des Zuges hatten Pferdewagen dabei, so daß nur immer ein Teil der Partisanen mit der Überwachung des Zuges beschäftigt war. Bei einem "Schwengelbrunnen", der auf einer Hutweide als Viehtränke diente, konnte jeder Gefangene sein Kochgeschirr füllen. Das Wasser war bitter, aber niemand fragte danach. Hier war es zu einer Überlebenschance geworden. Am folgenden Tag gab es dann bei einem Aufenthalt Brot und Zwiebeln. Dann wieder gab es einen Spießrutenlauf in einem Dorf, dessen Bevölkerung anscheinend aus vielen Zigeunern bestand. Mit Peitschen und Stöcken schlugen sie auf die Gefangenen ein, schien es doch so, als ob dies eine angeordnete Brüskierung darstellen sollte, eine auf Rache und Vergeltung hinzielende Strafmaßnahme der Dorfinsassen. Bei dieser Provokation konnte man nur die Hände über den Kopf halten, denn jedes Ausscheren aus dem Zug wäre eine Einladung zum Schußwaffengebrauch gewesen. Die Verletzten wurden in die Mitte genommen, um nicht durch weitere Schläge marschuntüchtig geschlagen zu werden.

Das waren schwere Tage, die die Gefangenen zu erdulden hatten, wohl ein Vorgeschmack auf die zu erwartenden Tiefpunkte im Leben eines Gefangenen in den Händen der Partisanen. Brcko, Palevics, Belgrad und Semlin waren die Orte, an die sich Hans Steger erinnert. Die Zustände waren einfach bestürzend, so daß eine Gruppe Rumäniendeutscher den Entschluß faßte, ihr Heil in der Flucht zu suchen.

Eine Flucht ist immer mit Angst verbunden, was wohl dahin führt, daß man sich wegen des Anlehnungsbedürfnisses zu größeren Gruppen zusammenschließt und so die Gefahr besteht, leichter entdeckt zu werden. So war es auch bei der Gruppe um Hans Steger. Schon nach einem Tag wurde sie entdeckt und zersprengt.

Hans Steger war nun auf sich allein gestellt. Seine Zuflucht war schließlich eine Dorfkirche, wo er um Wasser bat. Er erhielt aber auch Verköstigung und Nachtquartier. Auch eine Beschreibung eines von den Partisanen wenig frequentierten Weges in die Stadt Brcko wurde ihm zuteil. Dort hatte Hans Steger während seiner Soldatenzeit eine Familienbekanntschaft geschlossen, die er nun nutzen wollte. Nicht wenig erschrocken war er, als er an einer Arbeitsstelle vorbeikam, wo deutsche Kriegsgefangene unter Aufsicht werken mußten. Als er schließlich sein Ziel erreichte, konnte er feststellen, daß die Familie hilfsbereit war, doch sollte er sich nicht von Nachbarn sehen lassen, da dies zu unabschätzbaren Unannehmlichkeiten führen könnte.

Als Soldat war er seinerzeit bei der Familie einquartiert gewesen, und Hans Steger hatte sich anscheinend bei den schon großen Söhnen beliebt gemacht. Sie halfen ihm nun über die Brücke und setzten ihn in "Besanje" in einen Güterzug, mit welchem er bis vor Belgrad gelangte. Sie hatten ihn mit einer türkischen Mütze ausgestattet und mit einem Rock, dessen Knöpfe mit Hammer und Sichel gekennzeichnet waren. So gesehen, hätte man in ihm auch einen Partisanen vermuten können.

Am nächsten Tag befand sich Hans Steger von Belgrad aus auf dem Weg zur rumänischen Grenze. Sein erstes Ziel war Werschetz. Doch das war kein Spaziergang in Gottes freier Natur, kein Wandern mit fröhlichen Gesangseinlagen, sondern eher ein Dahintasten auf Schleichwegen, die ihm unbekannt waren, da er sie noch nie beschritten hatte. Weit war er gekommen, und der ersehnte Erfolg schien sich einzustellen. Bei den unverzichtbaren Zusammentreffen mit Menschen gab er sich als Rumäne aus. Seine spärlichen Sprachkenntnisse im Serbischen kamen ihm dabei zu Hilfe. Doch den Tag soll man nicht vor dem Abend loben und die Woche erst am Sonntag. Als Hans Steger die Worte: "Stoj, rubko ubis" (Halt, Hände hoch) vernahm, wußte er, daß sein Unterfangen noch nicht gelaufen war. Eine Streife hatte ihn erspäht, durchsuchte ihn zuerst nach Waffen und fragte ihn nach seinem Begehren. Seine Beteuerungen, daß er Rumäne sei und mit einer rumänischen Einheit über Bulgarien nach Jugoslawien gekommen war, schienen sie ihm nicht als bare Münze abnehmen zu wollen. Dennoch sagte der ältere Partisan zu dem jüngeren, daß er ihn laufen lassen möge. Doch dieser fragte Hans Steger nach einer Uhr. Da der Grabatzer aber eine solche nicht besaß, bekam er den Befehl, vor der Streife einherzugehen, um dem Partisanen-Kommandanten vorgeführt zu werden. So besiegelte sich das Schicksal des Ausreißers, der schließlich Farbe bekennen mußte. Sein Fluchtversuch war mißlungen, und er konnte noch von Glück reden, daß er nicht umgelegt wurde.

Nach einer aufreibenden Zeit der Ungewißheit landete er in einem Gefangenenlager im Kohlerevier bei "Zajecar", wo er auf deutsche Kriegsgefangene aus Deutschland und Österreich traf, die hier unter Tage arbeiten mußten.Und hier begann für Hans Steger ein neuer Lebensabschnitt in der Tätigkeit eines Bergmannes, abgeschnitten von jedwelcher Fühlungnahme und menschenwürdiger Kontaktmöglichkeit zu einem vertrauten Umfeld.

Zajecar, im Grenzgebiet zu Bulgarien gelegen, hat eine gemischtsprachige Bevölkerung, der das Mazedorumänische und das Bulgarische geläufig ist. Mit diesen Menschen bekam Hans Steger Berührung in den Kohlengruben.

Eine ärmliche Landschaft, in welcher Bergbauern ihr mühevolles Dasein fristeten und im Kohlenbergbau eine Beschäftigungsgrundlage fanden. In den Ortschaften "Grljan" und "Lubnica" wurde außer dem Obstbau auch der Anbau von Getreide betrieben. Ziegenherden, die Lieferanten von Milch und Käse, waren aus dem Landschaftsbild nicht wegzudenken. Dem "Selbstgebrannten" sprach man tüchtig zu. Doch dies galt nicht für die Gefangenen. Die ersten Jahre als Untertagearbeiter waren äußerst schwer. Nein, das war nicht zu verkennen, da hatte ein Landarbeiter doch eine angenehmere Beschäftigung. Dieser war nicht dem Kohlenstaub ausgesetzt, der sich in die Luftröhren und Lungen frißt und ein langsames Siechtum bewirkt, an dessen Ende meistens die Staublunge steht.

"Wir waren wie die Schornsteinfeger, nein, noch viel schlimmer, nur die Zähne waren weiß, alles andere vom Staub geschwärzt", meinte Hans Steger. Er hatte die Jahre, Monate und Tage gezählt, die er als Bergmann in den primitiv ausgerüsteten Stollen arbeiten mußte. Es waren 9 Jahre, 6 Monate und 27 Tage. Gearbeitet wurde auch sonntags. Das Gefangenenlager bestand aus drei Baracken, die in einem schluchtartigen Tal standen. Späterhin bekamen die Gefangenen einen Ausweis, mit welchem sie sich bis zur nahegelegenen Stadt Zajecar bewegen konnten. Das war ab 1949 oder 1950. Wenn man Frühschicht hatte, konnte man dann am Nachmittag das Lager verlassen, mußte aber um 10 Uhr abends zurück sein.

Für Hans Steger, der ja gut rumänisch sprach, war dies eine willkommene Gelegenheit Bekanntschaften zur rumänischen Bevölkerung anzuknüpfen. Er wurde für die einheimischen Rumänen zum "Jonje" was im Deutschen "Hans" heißt.

Und als dann eine Witwe, deren Gatte mit Staublunge verstorben war, einem Sohn das Leben schenkte, anerkannte ihn Hans Steger als den seinen. So wurde das Kind auf den Namen Steger eingeschrieben. Es war dies 1951. Ein Jahr darauf wurden die Kriegsgefangenen entlassen. Die meisten zogen heimwärts. Hans Steger hatte aber Verpflichtungen, er hatte nun einen Sohn: Vadim Steger. Er wurde nun wie die übrigen jugoslawischen Arbeiter bezahlt, wurde als Hilfshauer und später als Hauer eingestellt. Dies hatte nicht nur eine bessere Bezahlung zur Folge, sondern übertrug ihm auch die Aufgabe, sich mit der Anlernung und Anleitung junger Jugoslawen zu beschäftigen, die als Soldaten zum Arbeitsdienst eingezogen worden waren.

Mittlerweile hatte Hans Steger auch die Verbindung zu seinen Eltern hergestellt, die nach der Flucht vor den Sowjets in Deutschland verblieben waren. Sie kamen 1955, um ihn zu besuchen. Auch bei ihm hatten sich die ersten Anzeichen einer Erkrankung der Atemwege und der Lunge eingestellt, so daß seine Mutter ihn drängte, nach Deutschland zu kommen, wo es sich mittlerweile ganz gut leben ließ. Auch die Ärzte waren um seinen Gesundheitszustand besorgt und rieten ihm, die Arbeit im Bergwerk aufzugeben und sich baldmöglichst einer Behandlung in Deutschland zu unterziehen. Erst 1957 waren alle Formalitäten erledigt. Die Mutter seines Sohnes wollte jedoch ihre Heimat nicht verlassen und hatte an Hans Steger nur die Bitte, er möge seinen Sohn nicht vergessen.

So ging nach 12 Jahren eine Episode im Leben des Hans Steger zu Ende, davon fast 10 Jahre in der Kohlengrube. In Anbetracht dessen, daß nach Kriegsende viele gefangene Soldaten von den jugoslawischen Partisanen regelrecht hingerichtet wurden, hat Hans Steger wenigstens sein Leben retten können. Der Preis dafür war hoch. Die verlorenen Jahre, die angegriffene Gesundheit, das angeschlagene Selbstbewußtsein, all dies hat dazu beigetragen, das innere Wertgefühl, die Selbstsicherheit arg zu beschädigen.

Mit der Zeit haben sich aber die Lebensgeister wieder zurückgemeldet, die durch die gesundheitlichen Fortschritte angeeifert Hoffnung signalisierten, Hoffnung auf ein geregeltes Leben in einer freien Welt.

Hans Steger gründete in Deutschland eine Familie und ist stolzer Vater von 2 Söhnen. Auch sein Sohn "Vadim" kam, nachdem er militärfrei geworden war, mit seiner Frau nach Deutschland, um hier als Schweißer tätig zu werden. Auch seine Frau fand in einem Krankenhaus eine Anstellung. Sie haben die deutsche Sprache erlernt und die beiden Töchter Zlatja und Sabine sind hier aufgewachsen.

Vadim, dessen Mutter verstorben ist, hat sich gemeinsam mit seiner Frau in seinem Geburtsort "Grljan" mit dem hier Ersparten ein neues Haus erbaut, um wieder in die als Kind liebgewonnene Umgebung zurückzukehren.

Auch Hans Steger, der in Deutschland gesundheitlich soweit hergestellt wurde, daß er einer leichteren Arbeit nachgehen konnte, hat mit seiner Familie schon mehrmals die Stätten besucht, in welche er als Zwangsarbeiter hineingestellt wurde. Die Bewohner von "Grljan" freuen sich immer wieder auf den "Jonje", den man dann in gastfreundlicher Manier zu einem Schnaps oder einem Schafkäse einlädt.


Lesen Sie aus dem gleichen Buch noch eine Episode die unmittelbar nach dem Krieg handelt

 

 


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