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Beiträge zur Banater Geschichte: Die Episoden

Aus dem Buch "Sonnenräume und Schattenseiten" von Jakob Dietrich
Ein kleiner Auszug aus "Nacht der Häscher" erzählt das "Einfangen" der Grabatzer Dorfbewohner, die für die Rußlandverschleppung vorgesehen waren. 


Nacht der Häscher

.... Eine Beschreibung dieser denkwürdigen Nacht gab auch Marianne Trisch (Talpa), welche mit ihrem Sohn Horst die Flucht aus dem Partisanennest Kikinda gewagt hatte. Als sie zurückgekommen war, hatte sie ihr Haus in großer Unordnung vorgefunden. Dunstobst war an die Wand geworfen, verbreitete einen eigentümlichen Geruch; zwei Wanduhren lagen auf dem Boden, alles deutete auf mutwillige Zerstörung. Der Keller war aufgebrochen, und ein Teil des Weines fehlte. Wahrscheinlich hatten die Sowjets hier ausgiebig gezecht und dann die Verwüstungen angerichtet

Marianne begann nun aufzuräumen. Im Hause befand sich noch die Schmiede, in welcher jetzt der Behrschmied und sein Sohn Fritz arbeiteten. Damit Marianne nicht alleine in dem Haus sei, übernachteten mitunter die Behrschmiedin und auch ihr Sohn Fritz dort. In dieser Periode hatte Marianne erfahren, und zwar von Margarete Gottschall, der Frau des Jakob Gottschall - für welche die Marianne Strickarbeiten ausführte - , daß es eine Verschleppung geben würde. "Du werscht sehe, daß etwas kummt!", hatte die Greti ihr gesagt, als sie ihr die Arbeiten ausgehändigt hatte.

In der Nacht vom 14. zum 15. Januar war Marianne mit ihrem kleinen Sohn Horst jedoch alleine im Haus. Die Nacht ließ mit dem Mond, dem sternenbesäten Himmel und dem vor Tagen gefallenen Schnee an Helligkeit nichts zu wünschen übrig. Marianne erwachte von dem Lärm auf der Straße, dem Hundegebell, ja sogar einen Schuß vermeinte sie gehört zu haben. Die Sklavenfänger hatten ihr Werk auf der anderen Straßenseite der Razengasse begonnen. Dort schienen sie, bei den Gottschalls eingedrungen zu sein. Johann (Jani) und Elisabeth waren beide in dem Alter der Aufgelisteten. Für Marianne war nun guter Rat teuer. Der Horst schlief friedlich in seinem Bett. Von der Straße her hörte man ein Weinen. Marianne zitterte und wackelte, unfähig auch nur einen Entschluß zu fassen. Gerade heute war die Schmiedin nicht hier. In diese von Entsetzen geprägte Schockwirkung kam ein Klopfen an der Tür, dazu aber auch gleich der Ruf: "Mariann, Mariann!" Sie erkannte die Stimme ihrer Schwiegermutter und öffnete.

"Schnell, schnell zur Altgodl! In unsrer Gass ham se die junge Leit schun zammgrafft!", äußerte die Schwiegermutter nach Luft ringend, war sie doch im Laufschritt durch den Garten zur Marianne geeilt.

Marianne tat, wie ihr geheißen. Sie wurde bei der "Landler Balwiererin" ohne weiteres aufgenommen. Vorläufig war sie in Sicherheit.

Die Schwiegermutter löschte das Licht, doch nur für kurze Zeit, dann waren sie an der Tür. "Trisch Mariana!" hörte die Frau Trisch sagen. Sie bedeutete, daß diese nicht daheim wäre. Die Schergen gingen in alle Räume, doch umsonst, es schien zu stimmen, daß die Gesuchte nicht anwesend war.

Sie nahmen dann die Schwiegermutter mit, die den kleinen Horst angezogen hatte . Sie nahm das Kind auf den Arm. Wir haben Magdalena Trisch als eine resolute Frau kennen gelernt; so wie man sie in das Kulturhaus eingeliefert hatte, so war sie von dort wieder verschwunden, tat sie doch so, als ob sie mit der Mutter des Kindes mitgekommen wäre und ging jetzt wieder heim. Sie ging nicht mehr in die Wohnung ihrer Schwiegertochter, sondern in die eigene. Am 2. Tag wurde ihr Mann, Jakob Trisch, festgenommen und im Keller bei der Gendarmerie eingesperrt.

Josef Neurohr, "Kerschnermichels Josep", hatte von der Aktion zeitig Wind bekommen. Er nahm seine Familie und fuhr nachts auf seine Pußta bei Billed, wo sie eine Wohnung hatten. Dort war für alle Fälle schon seit längerem ein Versteck hergerichtet worden. Daheimgeblieben war der Vater. Er wurde verhaftet und als Geisel nach Großkomlosch überführt. Er war langjähriger Dorfrichter gewesen und mittlerweile schon 60 Jahre alt.

Auch Jakob Bauer, von dem wir ja wissen, daß er einen Faden zu der Frau des Wachtmeisters gesponnen hatte, wurde durch diese verständigt und suchte mit seiner Frau das Weite. Die Schergen fanden nur seine Mutter daheim. Auch sie mußte nach Großkomlosch. Eine alte Frau als Geisel!

Auch viele andere junge Menschen konnten nicht im ersten Anlauf festgenommen werden, so auch die Sedlak Mädchen, weil sie sich versteckt hielten.

Langsam füllte sich aber der große Tanzsaal, der jetzt zweckentfremdet wurde. Viel Freude hatte dieser Saal schon gesehen. Nun durfte er auch an dem Leid teilhaben, von dem alle betroffen waren. Sie klagten sich gegenseitig ihren Schmerz. Die Neurohr Annusch, die Frau des "Schwob Joschi", wurde gezwungen, je schneller ihr Haus zu verlassen. Man hatte ihr gesagt, daß die Schwiegereltern Kleider und Nahrungsmittel nachbringen können.

Es war schon längst Tag geworden, und noch immer wurden Menschen gebracht. Jetzt kamen auch die Angehörigen. Sie wurden durchgelassen, brachten sie doch nach, was man im ersten Augenblick vergessen hatte. Die Bewachung im Grabatzer Kulturheim bestand aus rumänischem Militär. Wer ins Kulturhaus eingeliefert wurde, wurde auf der Liste angekreuzt. Nun sollte die Jagd nach jenen beginnen, deren man bisher nicht habhaft geworden war.

....

als auch für Marianne Trisch hatte man Geiseln genommen, die im Keller bei der Gendarmerie gefangen gehalten wurden. Auf diese Geiseln wirkte man ständig ein, um sie mürbe zu machen, indem man ihnen die Verschleppung, ja sogar die Erschießung androhte. Jakob Trisch - den wir schon in Kikinda als zaghaften Menschen kennengelernt hatten - wirkte bei den Besuchen seiner Frau auf diese ein, sie möge doch die Marianne dazu bewegen, sich zu stellen, da er ansonsten erschossen würde. Diese Nachricht hatte die Schwiegermutter bei Dunkelheit der Marianne überbracht. Am nächsten Tag hatten dann die beiden jungen Frauen sich dazu durchgerungen, sich bei der Gendarmerie zu stellen. Marianne ging durch den Garten in ihre Wohnung und packte zusammen. Am Nachmittag zogen sie los. Die Mutter der Margarete bat Marianne, ein Auge auf diese zu werfen, da es ihr nicht gut ginge. Sie hingegen versicherte der Greti, daß sie auf deren Kleinkinder Werner und Marlene so aufpassen würde, wie sie auf sie seinerzeit geachtet hatte.

Es waren fremde Gendarmen, die die Anmeldung der zwei Frauen entgegennahmen. Man strich sie von der Suchliste. Sie wurden nicht in den Keller gebracht, dieser war den Geiseln vorbehalten.

Es gibt Situationen im Leben, die jede Normalität über den Haufen werfen, oder besser gesagt das, was man für das übliche Richtmaß an natürlicher Empfindungsbereitschaft zu kennen glaubt. Jakob Trisch, der 46jährige korpulente Mann, von seiner Kellerhaft befreit, kniet vor seiner Schwiegertochter, hält deren Hände und bittet weinend um Verzeihung. Verzeihung dafür, daß er nicht die Stärke besessen hatte, der Versuchung zu widerstehen. Diese so ausdrucksvolle Gebärde eines Menschen, der damit sein Versagen, seine Schwäche, öffentlich macht, sollte man nicht ins Reich des Lächerlichen verweisen, denn zu tief ist der Wille zum Leben in jedem Menschen vorhanden, und nur die Ausnahmen sind bereit, übermenschliche Last auf ihre Schultern zu hieven.

"Is schun gut Vatter, gibt Ihr owacht uf mein Kind!", das war die Entgegnung der Marianne. Dabei lag eine Betonung auf "owacht" und "Kind". Was sollte sie schon dem Manne sagen? Er war ja an dieser Zwangslage nicht schuld, und nur die unglücklichen Verflechtungen hatten ihn als Spielball hineingeworfen in das für ihn unüberschaubare Ungemach. Und als sich die mit Sitzbrettern ausgelegten Wagen in Bewegung setzten, um die 28 Sklavennachzügler nach Großkomlosch zu bringen, da lief Jakob Trisch neben dem Wagen her und hielt noch immer die Hand seiner Schwiegertochter. Jetzt hatten er und seine Frau begriffen, daß es ein Fehler gewesen war, die Marianne mit dem Horst daran zu hindern, sich durch Flucht diesem Inferno zu entziehen. Doch es war nun zu spät!


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