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Beiträge zur Banater Geschichte: Mosaik

EIN MOSAIK ZERBRÖCKELT

Plädoyer für die multikulturelle Landschaft des Banats

(DER GEMEINSAME WEG/Bonn, Oktober 1995)

Es gibt nicht viele Gegenden in Europa, wo sechs, acht oder gar ein Dutzend verschiedene ethnische Gruppen seit Jahrhunderten auf engstem Raum zusammenleben und ihre Eigenart - Sprache, Brauchtum, Kultur - bis auf den heutigen Tag bewahrt haben. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehörten die meisten dieser Gebiete zum Habsburgerreich. Die rücksichtslose und stümperhafte staatliche Neuaufteilung Europas durch die Siegermächte von 1918 - Frankreich, England, USA - hat diese Gebiete gewaltsam durchtrennt und sie verschiedenen Staaten zugeschlagen. Die Bukowina und Bessarabien an der Nahtstelle zwischen Rumänien und der Ukraine, das Banat und die Batschka im Dreiländereck zwischen Rumänien, Jugoslawien und Ungarn sind solche Regionen. Trotz zahlreicher Grenzverschiebungen, wiederholten Staatenwechsels und einschneidender politischer und wirtschaftlicher Veränderungen haben sie ihre ethnische Vielfalt bis heute bewahrt.

Wie kam es zu diesem bunten Völkermosaik?

Südosteuropa war schon immer national durchwachsen, aber viele der heute dort lebenden Volksgruppen wurden erst im 18. Jahrhundert dorthin verpflanzt. Sie folgten dem Aufruf der habsburgischen Herrscher Karl VI., Maria Theresia und Joseph II., die während der Türkenherrschaft fast menschenleer gewordenen Landstriche neu zu besiedeln.

Neben zahlreichen Deutschen aus dem mittleren und süddeutschen Sprachraum folgten Tausende Rumänen, Serben, Ungarn, Slowaken, Kroaten, Bulgaren, Juden, Tschechen und Ruthenen (Ukrainer) aus den habsburgischen Provinzen sowie lothringische Franzosen und Italiener aus den ebenfalls zu Österreich gehörenden Provinzen Venetien und Triest diesem Aufruf. Franzosen und Italiener, ohnehin nicht zahlreich und meist in Streulage angesiedelt, haben sich im Lauf der Zeit mit den Deutschen vermischt. Alle anderen aber leben immer noch als selbständige Minderheiten dort.

Daß sie sich als ethnische Gemeinschaften so lange erhalten konnten - oft handelt es sich um Splittergruppen von nur einigen tausend Personen -, ist ein Wunder, das seine Wurzeln vor allem in der toleranten Kulturpolitik der Habsburger hat. Sie gewährten allen Bürgern gleiche Rechte, vor allem aber das Recht auf eigene Schulen - Grundvoraussetzung für die Pflege und den Erhalt der Muttersprache.

Anderthalb Jahrhunderte lang verlief die Entwicklung für alle Volksgruppen gleichermaßen günstig. Der damals übliche Kinderreichtum sorgte für biologisches Wachstum, und wirtschaftlich ging es stetig aufwärts. Das überwiegend bäuerliche Umfeld, die Geschlossenheit der Siedlungen - meist wohnten die einzelnen Volksgruppen in getrennten Ortschaften oder in eigenen Ortsteilen -, die eigenen Schulen, Kirchen und kulturellen Einrichtungen festigten den inneren Zusammenhalt. Ehen mit Andersnationalen wurden bewußt vermieden. Der Umgang mit dem anderssprachigen Nachbarn war zwar nicht immer frei von Spannungen, aber im allgemeinen doch von Toleranz geprägt, denn eine der Voraussetzungen zur Erhaltung der eigenen Identität war die Toleranz gegenüber den anderen.

Nach dem sogenannten "Ausgleich" 1867 (Österreich trat unter dem Druck Budapests die Verwaltung der östlichen Landesteile an seinen Bündnispartner Ungarn ab) geriet der Bestand der nationalen Minderheiten und die Vielsprachigkeit der Regionen erstmals ernsthaft in Gefahr. Die ungarische Kulturpolitik war von Anfang an darauf ausgerichtet, die Schulen und Institutionen der nichtmadjarischen Bevölkerungsgruppen zu zerstören und so ihre Assimilierung gewaltsam herbeizuführen. Der Widerstand der einzelnen Gruppen war unterschiedlich. Am stärksten war er bei den Serben und Rumänen.

Der Erste Weltkrieg führte, wie bereits erwähnt, zum Zerfall der Habsburgermonarchie und zur Teilung des Banats und anderer multiethnischer Regionen. In den Nachfolgestaaten der Doppelmonarchie - Ungarn, Rumänien, Jugoslawien - verlief die Entwicklung der nationalen Minderheiten sehr unterschiedlich. Ungarn setzte, wenn auch in abgemildeter Form, seine auf Assimilation ausgerichtete Minderheitenpolitik fort. Jugoslawien und vor allem Rumänien griffen mit Rücksicht auf die große Wirtschaftskraft und die zahlenmäßige Stärke der Minderheiten in vielen Landesteilen, auf das bewährte habsburgische Modell zurück. Wichtigstes Faktum dabei: Die muttersprachlichen Schulen der Minderheiten blieben erhalten. Selbst die kommunistischen Machthaber setzten diese Tradition nach dem Zweiten Weltkrieg fort, auch wenn sie den Schulen politische Inhalte aufzwangen und sie später - im Hinblick auf eine allmähliche Einschmelzung - an die rumänischen Schulen angliederten.

Wie steht es heute, fünf Jahre nach der Befreiung von den Fesseln des Kommunismus, um die Minderheiten in den betreffenden Regionen?

Werfen wir einen Blick auf ein ethnisch äußerst vielfältiges Gebiet im Westen Rumäniens: das Banat (ohne seinen zu Jugoslawien gehörenden Teil) und den angrenzenden Kreis Arad. Flächenmäßig ist diese Region etwa so groß wie Rheinland-Pfalz, doch wesentlich dünner besiedelt. Vor dem Zweiten Weltkrieg betrug dort der Anteil der Minderheiten 42%. Dieser hohe Anteil sank kontinuierlich von einer Volkszählung zur anderen. 1977 betrug er immerhin noch 25% (407 000), fiel jedoch bei der letzten Volkszählung 1992 auf 18% (285 000). Auf Landesebene ist zwar ebenfalls ein Schrumpfungsprozeß der meisten nationalen Minderheiten feststellbar, doch nicht in so hohem Ausmaß (1977: 12%, 1992 10,5%). Sicher ist die Massenauswanderung der Deutschen und Juden - ihre Zahl belief sich 1940 auf 310 000 bzw. 35 000 - eine Ursache für den drastischen Rückgang der Minderheiten.

Aber wie ist die stetige Abnahme der anderen im Land verbliebenen ethnischen Gruppen zu erklären?

Der Hauptgrund ist das seit vielen Jahrzehnten anhaltende Geburtendefizit. Etwa seit dem Ende des Ersten Weltkriegs verbreitete sich im ganzen Banat eine allgemeine, bewußt programmatische Kinderarmut mit den niedrigsten Geburtenzahlen im ganzen Land. Ein weiterer Grund ist die Abwanderung aus den geschlossenen ländlichen Siedlungsgebieten in die großen Städte und Industriezentren. Dort ist ein ethnischer Zusammenhalt ungleich schwieriger, was zu einer starken Zunahme der früher seltenen Mischehen führte. Diese wiederum beschleunigen den zahlenmäßigen Rückgang der Minderheiten, denn sie gehen in der Regel auf das Konto des Mehrheitsvolkes. Freiwillige Assimilation durch bewußten Volkstums- und Sprachenwechsel spielt hingegen im Banat nur eine unwesentliche Rolle. Zu all diesen Faktoren kommt noch ein weiterer, sehr gewichtiger hinzu: der ständige Zuzug von Rumänen aus allen Landesteilen, vor allem aus dem Osten und Norden. Wer einen Blick in die benachbarte, ethnisch ähnlich strukturierte jugoslawische Provinz Wojwodina (Batschka, Westbanat und Syrmien) wirft, kann dort den gleichen Schrumpfungsprozeß der nationalen Minderheiten feststellen.

Der einzige Weg, der ethnischen Erosion Einhalt zu gebieten, wäre Kinderreichtum. Das beweisen die im Südosten bzw. Norden Rumäniens lebenden kleinen Gemeinschaften der Türken, Russen, Ukrainer und Tataren, die in den letzten Jahren zahlenmäßig gewachsen sind. Vom Staat können die Volksgruppen in ihrem Überlebenskampf keine Hilfe erwarten. Denn trotz offiziell großzügiger Minderheitenpolitik ist Rumänien, und erst recht Jugoslawien, an einer nationalen Homogenisierung interessiert. Politik hat oft zwei oder mehrere Gesichter.

Immerhin, noch gibt es die kulturelle und nationale Vielfalt in den ehemaligen Provinzen der  K.u.K.-Monarchie. 1992 lebten im rumänischen Banat und im Kreis Arad neben  1,3 Millionen Rumänen (1977: 1,2 Millionen)
132 000 Ungarn (1977: 147 000),
48 000 (160 000) Deutsche *,
26 000 (31 000) Serben,
9 600 (10 5000) Slowaken,
12 000 (8 000) Ukrainer (Zuzug aus dem Norden Rumäniens),
7 700 (8 700) Bulgaren,
6 500 (7 400) Kroaten,
4 300 (5 600) Tschechen,
1000 (3 000) Juden und
36 000 (25 000) Roma/Zigeuner.

Letztere sind die einzige Volksgruppe im Banat, die einen Zuwachs durch Geburtenüberschuß aufweist.

Trotz der negativen Zahlenbilanz ist seit der Revolution ein positiver Aspekt zu verzeichnen: Hatten die einzelnen Gruppen früher überwiegend nebeneinander her gelebt, jede auf sich selbst konzentriert, so ist in den letzten Jahren zunehmend ein Miteinander festzustellen, ein Zusammenrücken mit dem Ziel, gemeinsame Interessen beim Staat gemeinsam zu vertreten. Dieses neue Miteinander äußert sich in gemeinsamen Veranstaltungen wie mehrsprachigen ökumenischen Festgottesdiensten, Volksfesten, Ausstellungen, Trachtenaufmärschen.

Vielleicht könnte der Zusammenhalt der Minderheiten ihren weiteren Bestand stabilisieren.

Es wäre schade, wenn dieses bunte Mosaik mit seiner Vielfalt an Sprachen, Kulturen, Brauchtum und religiösen Bekenntnissen eines Tages verschwände. Monokulturen sind oft sehr monoton.

 

Helmfried Hockl

 * Durch weitere Auswanderung ist die Zahl der Deutschen heute (1998)
auf schätzungsweise 30 000-33 000
gesunken.

 


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