Nur noch Haut und
Knochen, wankten sie durchs Lager
1945 im Namen der Alliierten
Kontrollkommission zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion
deportiert / 22000 von ihnen fanden fern der Heimat den
Tod
Von Berthold
Neff
Seit Vater nicht
mehr ist, habe ich so Heimweh." Hans Stein liest
noch einmal jenen Brief, den er als 19jähriger im Arbeitslager
Nr. 1013 Tschasov Jar an seine Mutter in die Heimat geschrieben
hat, nach Ulmbach ins Banat. Dann blickt er in die Kamera
und sieht vor lauter Tränen gar nichts mehr. Donbass-Sklaven.
Verschleppte Deutsche erinnern sich", heißt der Dokumentarfilm
von Günter Cernetzky, der noch einmal jenes Unheil beschwört,
das im Januar 1945 über die Deutschen Südosteuropas hereinbrach.
Im Haus des Deutschen
Ostens (Am Lilienberg 5), wo die Ausstellung 50
Jahre Deportation der Südostdeutschen in die Sowjetunion"
im Januar und Februar 1995 zu sehen ist, läuft das Donbass-Video
meist vor 30 leeren Stühlen. Wer weiß schon, daß im ehemaligen
Jugoslawien, in Ungarn und in Rumänien vor dem Zweiten
Weltkrieg mehr als anderthalb Millionen Deutsche lebten?
Wer weiß, daß die Siebenbürger Sachsen den Landstrich
im Karpatenbogen 800 Jahre lang geprägt haben, mit ihren
trutzigen Kirchenburgen als Überlebenssymbol in der mörderischen
Zeit der Mongolen-Stürme? Wer weiß schon, daß die Banater
Schwaben ein nach den Türkenkriegen verwüstetes Land erst
urbar machten?
Noch viel weniger
bekannt ist, daß etwa 165000 dieser Deutschen im Januar
1945 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt wurden.
Der Bericht eines anderen Ulmbachers, der - ebenso wie
Hans Stein - mit 17 Jahren deportiert wurde, beschreibt
den Beginn der Aktion so: Am 14. Januar 1945, es
war ein Sonntag, wurden alle Männer im Alter von 15 bis
45 Jahren und Frauen und Mädchen im Alter von 17 bis 33
Jahren durch den Gemeindetrommler aufgefordert, sich an
einem bestimmten Platz zu melden." Am Bahnhof standen
schon die Viehwaggons bereit, notdürftig mit Stroh, Blechöfen
und mitunter Pritschen hergerichtet.
Die Sowjetunion hatte
das mit dem Deutschen Reich verbündete Rumänien bereits
am 23. August 1944 erobert. Knapp fünf Monate später,
am 6. Januar 1945, überreichte die Sowjetunion im Namen
der Alliierten Kontrollkommission für Rumänien (also auch
im Namen Großbritanniens und der USA) der rumänischen
Regierung die Note Nummer 031 mit der Aufforderung, alle
Deutschen für Arbeiten in der Sowjetunion zur Verfügung
zu stellen: Männer im alter von 17 bis 45, Frauen im Alter
von 18 bis 30 Jahren bis auf jene, deren Kinder das erste
Lebensjahr noch nicht vollendet hatten.
Während sich der britische
Premierminister Winston Churchill zwiespältig verhielt
(Warum machen wir soviel Aufhebens um die russischen
Deportationen von Sachsen und anderen aus Rumänien?"),
protestierten Amerikaner und Rumänen energisch - aber
erfolglos. Rumäniens letzte bürgerliche Regierung hatte
ohnehin nicht mehr viel zu sagen; die Kommunisten begannen,
das Geschehen zu diktieren. Am 20. Januar 1945 kommentierte
eine kommunistische Zeitung aus Temeswar zynisch: Die
Deutschen wurden unter den menschlichsten Bedingungen
weggeführt, wie nur die Sowjetunion sich gegenüber einem
Feind zu verhalten weiß: in geheizten und mit mit Betten
ausgestatteten Waggons."
Zu diesem Zeitpunkt
waren die Deportierten bereits in eisiger Kälte, auf Stroh
gebettet, Richtung Osten unterwegs. Der damals 17jährige
Ulmbacher erinnert sich an die Trennung von der Heimat:
Unsere Angehörigen durften nicht mehr in unsere
Nähe, sie begleiteten uns am Straßenrand entlang, winkend
und weinend. Als alles verladen war, wurden die Türen
von außen verriegelt, und der Zug setzte sich in Bewegung,
als ob er überlastet wäre; unsere Angehörigen liefen eine
lange Strecke mit, wir sahen niemand, aber hörten ununterbrochen
Abschiedsrufe."
Unterschiede machten
die Russen nicht; schwäbische oder sächsische Bauern,
deren Söhne in der rumänischen Armee im Kampf gegen die
UdSSR gefallen waren, wurden ebenso verschleppt wie deutsche
Kommunisten aus der Industriestadt Reschitz, die gegen
diesen Krieg gekämpft hatten, oder solche Deutsche, die
sich vom nationalsozialistischen Wahn hatten anstecken
lassen.
Die meisten Deportierten
landeten in den Kohlebergwerken des Donezbeckens um Stalino
und Woroschilowgrad, im Gebiet jenseits des Dnjesters
bei Kriwoi-Rog und Dnjepropetrowsk, aber auch im Ural.
Hunger und Kälte hatten bereits auf der dreiwöchigen Fahrt
die ersten Todesopfer gefordert. Jetzt, in den etwa 200
Lagern, die von Stacheldraht umzäunt und über Wachtürme
gesichert wurden, kamen die extrem harte Arbeit und Seuchen
wie Typhus oder Cholera hinzu. Ende 1946, nach der schlechten
Ernte jenes Jahres, waren die meisten mit ihrer Kraft
am Ende. Abgemagert, mit tiefen Augenhöhlen, unter
den verdreckten und zerfetzten Kleidern nur noch Haut
und Knochen, wankten sie durchs Lager", erinnert
sich ein Augenzeuge.
Die Wachmannschaften
und die Zivilbevölkerung begegneten den Deportierten anfangs
voller Haß. Sie wußten, daß Hitlers Deutschland Millionen
Russen und Ukrainer zur Zwangsarbeit nach Westen deportiert
hatte, um den aus nacktem Wahnsinn begonnenen Krieg zu
verlängern, sie hatten am eigenen Leib verspürt, wie die
deutschen Truppen nach dem Prinzip der verbrannten Erde
vorgegangen waren. Deshalb begegneten sie den Verschleppten
feindselig, machten keinen Unterschied zu den Kriegsgefangenen
und lernten nur langsam, die Deportierten als Opfer, nicht
als Täter zu sehen.
Massenmord, wie er
von den Nazis in der komplizierten Tötungsmaschinerie
von Auschwitz verübt wurde, war nicht Zweck dieser sowjetischen
Arbeitslager. Trotzdem wurden die Deportierten regelrecht
dezimiert. Es gab Übergriffe einzelner Kommandanten, die
mit der Hundepeitsche auf die Deportierten eindroschen,
bis die müden Hände nach einer Stunde Schlaf noch einmal
die Schaufel ergriffen, um die gefrorenen Kohlen abzuhacken.
Es gab Hunger und Seuchen, aber es gab auch jene mitleidigen
Ukrainer, die den unterernährten Deutschen eine Kartoffel
zuwarfen, ein Stück Brot oder ein paar Sonnenblumenkerne.
Glücklich konnte sich
schätzen, wer - zum Skelett abgemagert - einen Platz im
Krankentransport erwischte. Der mit 17 Jahren verschleppte
Ulmbacher beschreibt jenen Tag, den 10. April 1947, so:
An diesem Tag entzog man uns die ganze Verpflegung.
Man steckte uns in Viehwagen; und das Gefühl der Freude
wurde vom Hunger verzehrt." Als er zehn Tage später
in Frankfurt/Oder ankam, wog er noch 85 Pfund.
Die anderen Deportierten
litten weiter am Hunger, an den Seuchen und an der Arbeit.
Von den 165000 Verschleppten fanden etwa 22000 den Tod.
Die Ausstellung zeigt ein paar Photos ihrer Gräber. Etwa
jenes von Johann Duckhorn, geboren 1902 in Bakowa, gestorben
1945 und begraben am Stacheldrahtzaun des Lagers Tschistjakowo.
Seine Tochter Eva überlebte die Zwangsarbeit und fand
den Tod an der rumänischen Grenze. Ein paar Kilometer
von ihrem Heimatdorf entfernt, wurde sie beim Überqueren
der Grenze erschossen.
Die meisten Deportierten
wurden erst 1949 aus den Lagern entlassen. Nachzügler
folgten bis 1951. Von den Heimkehrern blieb fast die Hälfte
in Deutschland oder Österreich, weil sich ihre Heimatländer
zum Teil gegen die Rückkehr sperrten. So steht etwa auf
dem Flüchtlingspaß der Maria Kölzer aus dem jugoslawischen
Banat lapidar: Entlassen nach - heimatlos."
Die nach Rumänien
Zurückgekehrten standen ohne Hab und Gut da. Man hatte
sie aus ihren Häusern verdrängt, ihnen ihr Ackerland und
ihr Vieh weggenommen. Im Juni 1951 deportierten die Rumänen,
diesmal ohne Zwang aus Moskau, aus dem Grenzgebiet zu
Jugoslawien etwa 80000 Menschen in die rumänische Steppe,
davon 40000 Banater Schwaben. Weil die Fahrt nach Osten
durch Siebenbürgen führte, fürchteten viele, erneut nach
Rußland deportiert zu werden. Am Ort ihrer zweiten Verbannung
nach 1945 fanden sie außer ein paar Pflöcken, mit denen
die Hausplätze abgesteckt waren, nichts vor.
Wie ihre Vorfahren
vor 200 Jahren, stampften sie ihre Häuser aus Lehm, waren
aber - anders als jene Siedler - keine Freien, sondern
Verbannte am Unterlauf der Donau. Erst 1956 durften sie,
auf eigene Kosten, wieder ins Banat zurückkehren. Inzwischen
hat der ehemalige Staatspräsident Rumäniens, Ion Iliescu,
zwar eingeräumt, daß die Deportation der Deutschen in
die Sowjetunion ein Unrecht war, aber während der kommunistischen
Diktatur des Nicolae Ceausescu war die Verschleppung der
Rumäniendeutschen ein Tabu. Was den ehemaligen Deportierten
damals versagt blieb, holten sie am 14. Januar 1995, fünfzig
Jahre nach dem Beginn ihres Leidenswegs, in München nach:
Tausende Menschen zogen unter Glockengeläut von der Frauenkirche
über den Marienplatz zum Denkmal des Unbekannten Soldaten
im Hofgarten.
Dort erklang dann
jenes Gebet, das der aus Blumental im Banat deportierte
Peter Altenbach im Donbass auf ein heute vergilbtes Blatt
Papier geschrieben hat: Wir wollen bitten, Allmächtiger,
bewahre unsere Kinder und alle Völker vor dem gleichen
Schicksal, versöhne alle Völker und laß Frieden in der
Welt sein."