GESCHICHTE
   
turbulenzen
Mosaik Experiment Verschleppung Die Episoden Baragan
Beiträge zur Banater Geschichte: Die Episoden

Episoden aus dem Krieg erzählen die aus dem kürzlich erschienenen zweiten Heimatbuch Grabatz "Sonnenräume und Schattenseiten" von Jakob Dietrich entnommenen Auszüge.

"Die Sandnacht" war eine Schreckensnacht des Jahres 1944 auf der Flucht vor den bedrohlich näherrückenden sowjetischen Truppen.


Die  Sandnacht

Die Fuhrwerke, die am 4. Oktober losgefahren waren, hatten, wie wir schon erfahren haben, in Selesch - in Grabatz hieß es oft auch Zelesch, eigentlich wurde es offiziell aber Nakodorf genannt - übernachtet. Am Morgen hatte Hans Jung, der Kolonnenleiter, die Flüchtlinge zur Weiterfahrt aufgefordert, damit dem Erreichen des Tageszieles keine Schwierigkeiten im Wege stünden. Dieses Ziel hieß Ada an der Theiß. Manche behaupten, daß die Kolonne in Kikinda übernachten sollte, um ausnahmsweise die Nachzügler noch einschließen zu können, doch wurde dieser Befehl nicht jedem Gefährt durchgegeben. Wie schon gesagt, fuhren die Wagen nicht in einer geschlossenen Kolonne. Aber der Weg von Nakodorf nach Kikinda stellt ja schließlich nur einen Katzensprung dar, und für so eine Entfernung kann man doch keinen ganztägigen Termin festsetzen.

Der Russe drängte von Groß-Betschkerek her, so daß der Geschützlärm gut zu hören war. Das mag auch angespornt haben, denn die Wagen fuhren durch Kikinda hindurch. Auf der Straße in Kikinda stand Nikolaus Gruber und erwartete das Vorbeiziehen seiner Verwandtschaft. Doch diese brach ja, wie wir schon wissen, erst am 5. Oktober auf.

Auf der festen Straße ging es von Kikinda über Sajan nach Padej, wo man die Theiß erreichte. Hier sollte schon der erste Flüchtlingszug, der am 15. September losgezogen war, die Theiß überqueren, doch wegen des Ausfalls der Fähre wurde die Kolonne dann nach Süden geleitet und kam schließlich nach Etschka, wo sie auf der Wiese kampierte. Für den Laien ist diese Südbewegung ein Rätsel geblieben, da es nicht bekannt wurde, ob hier militärische Erwägungen im Spiele waren. Jetzt war aber, Gott sei Dank, die Fähre im Betrieb. Nur war der Andrang so groß, daß man lange Wartezeiten einplanen mußte. Einesteils hatte dies aber auch seine gute Seite, da die Grabatzer Kolonne sich nun aufsammelte, stießen doch immer weitere Fuhrwerke hinzu.

Bei der Besichtigung der Überfahrt konnte der Betrachter ein leises Kribbeln verspüren, denn die Abfahrt zur Fähre war nicht ungefährlich. Steil ging es die Böschung hinab, so daß jede kleinste Unvorsichtigkeit zum Verhängnis werden konnte. An größte Vorsicht mahnte hier auch ein Traktor, der noch halb aus der Theiß herausragte und so zum warnenden Beispiel wurde. Anscheinend hatten bei ihm die Bremsen versagt. Erhöhte Aufmerksamkeit war also geboten.

Durch die häufigen Überschwemmungen während der Siedlerjahre und auch später noch, wurde an der Befestigung und Erhöhung der Dämme gearbeitet. Von einer Umgebung von 80 und mehr Kilometern hatte man die robotpflichtigen Menschen und Gespanne hergebracht, um die Unbilden der Natur zu zähmen, den Fluß in sein Bett zu zwängen, damit die umliegenden Gemeinden von Überschwemmungsschäden geschützt werden konnten.

So standen die Grabatzer nun an der Böschung und sahen dem hektischen Treiben zu. Die nötigen Lehren konnte man daraus ziehen, erkannte man doch, was der oder jener falsch gemacht hatte und behielt die Fehler der anderen Pferdelenker im Gedächtnis, um sie nicht zu wiederholen, wenn man selbst dran war. Es war ja so, daß die Fuhrwerke der Grabatzer Flüchtlinge nicht für die Fortbewegung in hügeligem Gelände ausgerüstet waren. Sie hatten keine Bremsvorrichtungen und den Pferdelenkern fehlte auch jedwelche Erfahrung. In der weiten Ebene hatte man dies nicht gebraucht, gab es dort doch überhaupt keine abschüssigen Stellen im Grabatzer Gelände. Die Auf- und Abfahrten von den Sommerwegen zu den festen Straßen, sowie die Anfahrt zum Bahnhof und den Übergängen über die Bahnlinie waren dermaßen gestaltet, daß sie Mensch und Tier keine Schwierigkeiten bereiteten. Doch hier mußte man sich nun nach Hilfsmitteln umsehen, nach Bremsstöcken, die die Abfahrt überhaupt erst möglich machten.

Gegen 23 Uhr war es dann soweit, die Grabatzer hatten sich gesammelt und das Übersetzen konnte beginnen. Jetzt zeigte sich der Zusammenhalt, der in der Grabatzer Gemeinschaft einen sehr hohen Stellenwert hatte. Es bildeten sich Gruppen von Männern, die die Überfahrt sicherstellten. Die unsicheren Lenker traten zur Seite und überließen anderen das Sagen. Zwei Männer wurden als Pferdeführer tätig, indem sie die Tiere an der Kopfbeschirrung, den an dem "Gebiß" befestigten Zügeln packten, und so diese sicher zur Fähre lenkten. Zwei bis vier Männer kümmerten sich um die Abbremsung der Hinterräder, die nicht ins Rollen gelassen werden durften. Dazu bedienten sie sich der Weingartenpflöcke, die sie sich in aller Eile besorgt hatten. Das tausendfache erprobte Zusammenwirken von Mensch und Pferd, hier zeigte es sich in beeindruckender Weise, denn auch die Pferde halfen durch die Rückhaltevorrichtung, die "Ufhalt", die an der Deichselstange angebracht war und im Nacken der Pferde die Bremswirkung ausübte, den Wagen in eine langsame Abwärtsbewegung zu bringen, die eine bedachtsame Anfahrt gewährleistete.

Auf der Fähre fanden nur vier Fuhrwerke Platz. Die Erstauffahrt ließ sich Jakob Klein, der "Joschkarljakob" nicht nehmen, und da es klappte, erfüllte ein Zweckoptimismus die Umstehenden. Drei volle Stunden benötigten die Grabatzer um überzusetzen. Aber nicht nur die Männergruppen, die sich um die Sicherung der Fuhrwerke bemühten, waren voll ausgelastet, sondern auch alle anderen halfen mit. Da mußte man die Ruder der Fähre bedienen, da mußten die Wagen nach der Abfahrt von der Fähre weggefahren und gesichert werden, aber auch auf die Kinder, die zur Überfahrt die Wagen verlassen mußten, war es notwendig ein wachsames Auge zu werfen. Als alle Wagen übergesetzt hatten und kein geeigneter Rastplatz zur Verfügung stand, beschloß man weiter zu fahren, obwohl Menschen, besonders aber die Pferde Ermüdungserscheinungen zeigten. Auf der festen Schotterstraße neben der Theiß ging es nordwärts; man fuhr durch Zenta und kam am frühen Nachmittag in Alt-Kanischa an, so daß man auf der rechten Theißseite die ersten 40 Kilometer hinter sich gebracht hatte. Nach diesen Strapazen einer schlaflosen Nacht und dem hastigen Fahren, wo es nur zum Tränken der Pferde kurze Aufenthalte gab, war man allerseits froh, endlich einen Rastplatz gefunden zu haben. Und dazu auch noch einen Ort, der den Wünschen der meisten Flüchtenden entsprach. Was kann und was darf schon ein Flüchtling für Ansprüche in dieser Hinsicht stellen? Er muß sich mit allem begnügen, was ihm geboten wird, oder mit dem, was er eben vorfindet. Doch diese Rastgelegenheit hatte alle Erwartungen übertroffen, denn der ländliche Bistumsbesitz hatte Stallungen, Wasser für die Pferde und Waschgelegenheiten für die Menschen. So war man bestrebt, nachdem die Pferde versorgt waren, sich einer gründlichen Reinigungsprozedur zu unterziehen.

Auch deutsche Soldaten hatten hier eine Ruhestellung bezogen. Nachdem sie zwei Schweine geschlachtet hatten, waren sie im Begriff in ihrer Feldküche ein richtiges Gulasch zuzubereiten. Auch die Flüchtlinge wurden verständigt, daß jeder von ihnen eine Portion haben könnte. Das kam den Frauen sehr entgegen, brauchten sie doch keine improvisierte Kochstelle einzurichten - einige hatten ja sogenannte "Dreifüße", die man zum Brotbacken auf der Glut benötigt hatte, mitgenommen - und konnten sich anderen Aufgaben widmen.

Die Kinder hatten alsbald den funktionierenden Springbrunnen entdeckt und so einen ansprechenden Spielplatz gefunden. Da der Tag sich des Sonnenscheins erfreute, und die Temperatur angemessen war, versuchten einige der Kinder, die ohnedies gewaschen werden mußten, das den Springbrunnen umgebende Bassin in ein Planschbecken zu verwandeln. Dann saßen sie auf der Brüstung und ließen die Füße dann und wann in das Wasser gleiten, um durch eine Schnellbewegung einen Spritzguß zu erzeugen. Die Familie Bauer (Bauermatz Josef) aus der Kirchengasse hatte eine lebende Ente auf dem Wagen, die sehr zutraulich war. Auch sie sollte sich der Möglichkeit erfreuen, die sich da anbot. Zur Freude der Kinder ließ die Kathibasel die Ente ins Wasser. Sie schnatterte, tauchte den Kopf ins Wasser, als ob sie etwas suchen müßte und zog ihre engen Kreise in dem Rund. Immer, wenn sie einem Kind zu nahe kam und dieses mit dem Fuße gegen sie ausholte, ließ sie das "Ga - ga - ga" vernehmen, nahm ihre Flügel zu Hilfe und schoß über das Wasser dahin. Das verschaffte Ablenkung für groß und klein.

Georg Gottschall, der "Gottschall Jergl", hatte einen Hinweis bekommen, wo man sich Heu für die Pferde beschaffen könnte. Er entlud kurzerhand seinen Wagen und fuhr los, denn ohne die Pferde wäre man hilflos gewesen. Ein guter Landwirt gab etwas auf seine Pferde, sie waren sein Stolz und zugleich Vorzeigeobjekt, was natürlich bedingte, daß man sich um sie kümmerte.

Viktor Neurohr (Gyöze) versuchte sich als Rasierer, hatte er doch ein großes Rasiermesser mitgenommen, dazu alle nötigen Utensilien, wie Rasierpinsel, Spiegel und Seife. Dabei hatte er sich in seinem Leben höchstens ein bis zweimal der Selbstrasur unterzogen, denn wie üblich, hatte er sich doch meistens einem Berufsrasierer anvertraut, der an bestimmten Tagen seine Kunden zu einer vorgegebenen Zeit besuchte, um seine Dienstleistung zu vollziehen. Nun wollte der Gyöze vermutlich zeigen, daß auch er die notwendige Handfertigkeit und das Fingerspitzengefühl dafür hatte. Doch nicht bei sich selber, sondern beim "Horwath Joschka", der als Arbeitsmann mit seinem Brotherrn geflüchtet war, wagte er den Eingriff. Es wurde dies aber ein schwieriges Unterfangen, da kein Blutstillstift vorhanden war, und der Gyöze dem erwarteten Ruf, auch ein vortrefflicher Rasierer zu sein, nicht gerecht wurde. Da war es ein Glücksfall, daß man sofort Zigarettenpapier zur Hand hatte, um den Blutfluß aus den Schnittwunden zu stillen. Da mußte auch Viktor Neurohr einsehen, daß man nicht in jedem Fach Meister sein konnte.

In diese allgemeine Betriebsamkeit schlug wie eine Bombe die Nachricht ein, die ein deutscher Soldat in aller Eile überbrachte, daß die Sowjets im Begriffe wären, am rechten Theißufer einen Brückenkopf zu errichten, ganz nahe von Alt-Kanischa. Man müßte sofort weiterfahren, aber nicht auf der festen Straße, sondern querfeldein, über nichtausgebaute Nebenstraßen und Feldwege, um nicht den Sowjets in die Hände zu fallen. Das sollte der Auslöser einer großen Verwirrung werden, hatte man sich doch auf eine ruhige Nacht gefreut, in der man mal ausschlafen wollte, und nun dies. Jetzt mußte man schnellstens umdenken, mußte wieder auf die Flucht, keine Minute Zeit durfte man verlieren. Die Pferde wurden im Eiltempo angeschirrt. Auch Anna Bartl, geb. Birkenheuer, die mit ihren zwei Buben, dem Ewald und dem Eugen auf der Flucht war, bemühte sich, mit den anderen mitzuhalten. Sie nahm das erste Pferd aus dem Stalle, schirrte es an, doch als sie das zweite Pferd holen wollte, war dieses spurlos verschwunden. Zwar standen noch zwei Pferde im Stalle, aber ihres war nicht dabei. Man kann sich vorstellen, was in der Frau vorgegangen ist, stand sie doch mit ihren zwei kleinen Buben jetzt hilflos da, das Pferd war verschwunden. Alles Fragen war umsonst. In dieser Not rief sie das Pferd beim Namen: "Nunius, Nunius ...,Nunius", und siehe, ein leises Wiehern kam von einem schon angespannten Pferd, vom Wagen des Nikolaus Bartole, einem schon älteren Mann, der sich mit seiner Tochter Margarete Klein, mit deren Kindern Ottilie, Erwin und Irmgard sowie mit der Mitmutter Magdalena, unter den Flüchtenden befand. Im Nu war die Anna bei dem Pferd, erkannte es und sagte dem Niklosvetter, daß dieses Pferd ihr gehöre. Dieser wollte das aber nicht wahrhaben, und erst nach der Besichtigung des Pferdes, welches noch im Stalle stand, sah er seinen Fehlgriff ein und spannte um. Noch fehlte aber der "Gottschall Jergl", der ja um Heu gefahren war. Die "Lissi", seine Schwiegertochter, war in eine unbeschreibliche Aufregung geraten, doch die anderen Wagen fuhren ab, jeder wie er konnte.

Nach West-Nordwest sollte man sich halten, um so die feste Straße zu erreichen, die von Szegedin nach Szabadka (Subotitza), dem früheren Maria-Theresiopel führte.

Nach Verlassen der festen Straße verspürte man, daß dies ein ungeheures Wagnis werden würde. Die Wege waren aufgeweicht; die schwerbeladenen Wagen kamen nur langsam voran. Immer wieder mußte der eine oder der andere Wagen mit Hilfe der Leute, die in die Speichen griffen, flottgemacht werden. Besonders die Einspänner waren in einer schwierigen Lage, so auch der erst dreizehnjährige Edgar Tillschneider mit seiner Mutter. Als dann die Nacht hereinbrach, war das Chaos vollkommen. Eine Panik hatte sich der Menschen bemächtigt, wozu auch das Donnern und Grölen der Geschütze beitrug. Man begann Lasten von den Wagen zu werfen, um den Pferden das weitere Vorwärtskommen zu ermöglichen. Da lagen Säcke mit Speckseiten, mit Mehl, mit Hafer und anderen wertvollen Sachen im Straßengraben oder neben dem Feldweg, alles weggeworfen, um sich vor den Sowjets in Sicherheit zu bringen. Ein trauriges Bild hatte sich da in den trostlosen Wegeverhältnissen der ungarischen Pußtalandschaft aufgetan. So etwas war unfaßbar, denn jede Brotrinde, jeder Bissen Nahrungsreste, wurde im Banat für das Vieh verwertet. Nahrungsmittel zu vergeuden war sündhaft. Aber das hier war bittere Notwendigkeit, heraufbeschworen aus der Notlage des Augenblicks, stand plötzlich das Entweder oder das Oder im Raume und stellte jeden vor die unausweichliche Entscheidung, sich von Nötigem zu trennen, oder aber sich dem sowjetischen Unterdrückungsregime mit all seinen Folgen auszuliefern. Hier ging es nun um Entkommen oder Knechtschaft, um Sein oder Nichtsein.

Natürlich wird man den weggeworfenen Lebensmitteln nachweinen, natürlich wird man sich ihrer erinnern, wenn die im Reich praktizierte Lebensmittelrationierung die ersten Hungergefühle auftreten läßt, deren stetes Verlangen dann nicht befriedigt werden kann. Aber erstes Gebot war jetzt das Mitkommen in der Kolonne. In dieser Kolonne fuhr auch der Lovriner Zappe mit seinem Traktor mit. Diesem Manne ist viel zu verdanken. Er zog manchen Pferdewagen aus dem Schlamm und dem weinenden Edgar Tillschneider, der ja einspännig fuhr, erlaubte er sogar zeitweise seine Deichselstange an seinem Hinterwagen einzuhängen. Auch der uns schon bekannte Gyöze war in dem Morast steckengeblieben. Seine Frau, die Marischka, weigerte sich jedoch, etwas von den Nahrungsmitteln wegzuwerfen. Da sah er einen schwachen Lichtschein in der Ferne, der zu ruhen schien. Er ging auf diesen zu und kam auf eine ungarische Pußta, die mit Ochsen bearbeitet wurde. Da er vorzüglich ungarisch sprach, wurde er mit den Leuten rasch handelseinig: Sie sollten sein Gefährt mit den Ochsen bis zur festen Landstraße ziehen und dafür Geselchtes vom Schwein erhalten. So geschah es auch. Der Ochsenlenker hatte eine lange Kette, die am Wagen befestigt wurde. So konnten die zwei Ochsen und die zwei Pferde gemeinsam die Last bis zur festen Straße schleppen.

Josef Bauer ( Kirchengasse 301), der damals sechzehn war, hatte das Glück, daß eines seiner beiden Pferde robust gebaut war. Es hatte vermutlich einen Kaltblut-Einschlag, was ihm eine enorme Zugkraft verlieh. Er ist ohne fremde Hilfe und ohne etwas abzuwerfen durchgekommen.

Auch Wilhelm Gergen war als Zwölfjähriger dabei. Er erinnerte sich später folgendermaßen: "Dann ging's los. Jeder wollte nur fort und fort. Wir fuhren nicht der Straße nach, sondern nahmen einen Feldweg. Es ging über Wiesen, durch Schlamm, Sand und Wasser; ein jeder wollte nur fort, den Russen nicht in die Hände fallen. Es war dies eine grauenhafte, schreckliche Nacht gewesen".

Als der Morgen graute, erreichten die letzten die Makadamstraße nach Szabadka. Sie fuhren weiter bis in die Stadt. Die Kolonne war auseinandergerissen; nach und nach stellten sich immer wieder der eine oder der andere Wagen ein. Und jeder freute sich, sobald er angekommen war, daß es ihm schließlich gelungen war, durch diesen Morast hindurch zu fahren. Mancher verirrte sich auch in der Stadt auf der Suche nach der Kolonne. Nun war Szabadka oder Subotitza als Stadt schon viel ansehnlicher als Groß-Kikinda, schon wegen seiner Größe wie auch seiner Industrie. Es gehörte in Jugoslawien zu den bedeutendsten Städten des Landes. Hier wohnten viele sogenannte "Bunjewatzen", die Katholiken kroatischer Abstammung waren. Dann auch viele Ungarn. Hier war der Sitz des Bistums Kalotscha, auf dessen Besitztum in Alt-Kanischa die Grabatzer Fluchtkolonne den vielversprechenden Rastaufenthalt begonnen hatte, welchen sie dann überstürzt abbrechen mußten.

Nach der Besetzung Jugoslawiens, an der auch Ungarn teilgenommen hatte, war die Stadt mit dem umliegenden Gebiet unter ungarische Verwaltung gestellt worden. Aber auch deutsche Bewohner hatte die Stadt, die jedoch teilweise noch im Magyarischen ihr Zukunftsbild sahen. Hier war also der Sammelpunkt für den Grabatzer Treck. Edgar Tillschneider kam zu Fuß zur Kolonne. Als man ihn fragte, wo er denn seinen Wagen hätte, meinte er, daß dieser an der Kirche stünde. In Szabadka (Subotitza) gab es aber viele Kirchen. Durch die Mithilfe der anderen Grabatzer hatte man schließlich das Gefährt doch entdeckt und der Kolonne zugeführt. Auch Edgars Großmutter, die Hinne-Michls-Gretl, die wegen einer Blutvergiftung eine Apotheke suchen mußte, wurde aufgestöbert. Und auch der Gottschall Jergl ist noch angekommen, zwar als letzter, aber was tut's: Ende gut, alles gut.

Den Pferden gönnte man noch eine Pause, denn ihre Leistung in dieser Nacht konnte nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wenigstens durch die Tränke und das Kraftfutter, das in den Futtersäcken den Pferden verabreicht wurde, wollte man sich ihnen gegenüber dankbar zeigen.

Diese unvergeßliche Nacht wurde in der Überlieferung als "Sandnacht" festgehalten, da eben weite Wegstrecken durch ihr sandiges Gefüge die Räder der Bauernwagen achsentief in das Erdreich eindringen ließen und die Fortbewegung fast unmöglich machte. Diese Nacht gilt als eine der schrecklichsten Nächte, die man auf der Flucht zu bewältigen hatte. Nur wer dabei war kann ermessen, wie schauerlich und unheimlich man sich fühlte, als man mit der Angst vor den Sowjets im Nacken, den Kampf mit den Widrigkeiten der Natur annehmen mußte, in welchem die Aussichten auf ein glückliches Überwinden durchaus nicht immer gegeben waren.


Ein kleiner Auszug aus "Nacht der Häscher" erzählt das "Einfangen" der Grabatzer Dorfbewohner, die für die Rußlandverschleppung vorgesehen waren.                     Nacht der Häscher

© Alle Rechte vorbehalten. Fragen und Kommentare bitte an: admin@banat.de Wir übernehmen keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.
design and hosted by Applirom
Visits:00001174