Kultur
   
ST.Jäger
Mundart N.Lenau

Abschnitt 1


Franz Marschang, Autor mehrerer Bücher und Theaterstücke, schreibt an einer Erzähl-Tetralogie, mit dem Titel Am Wegrand der Geschichte. Aufgearbeitet werden die Ereignisse nach dem II. Weltkrieg, welche die Banater Schwaben (auf dem Territorium Rumäniens) schließlich veranlaßten, ihr mehrhundertjähriges Siedlungsgebiet aufzugeben. Band I und II sind druckreif, an Band III wird eben gearbeitet. Anschließend die Leseprobe 1 aus Band II dieser Tetralogie.

***

...Doch alles Gerede nützte nichts, ohne einschlägige Investitionen. Die kommunistische Regierung hatte sich schon sehr bald die Hauptidee der rumänischen Nationalisten zu eigen gemacht: alle Regionen des Landes seien auf das gleiche Wirtschaftsniveau zu bringen. Mit ihrer Art, alles unter dem Plannetz zu verschleiern, verfügten sie über die richtige Handhabe dafür: man brauchte nur die Wirtschaftsleistung des Banats und Siebenbürgens abzuschöpfen und damit entsprechende Investitionen in den rumänischen Stammlanden zu tätigen.

Obwohl die Berichte aus der Provinz die Wahrheit möglichst vertuschten, war der Parteileitung doch bald irgendwie bewußt geworden, dass man aus dem Banat weit weniger herauszuschinden vermochte, als aufgrund des "hochtrabenden" Beinamens "Kornkammer Europas" zu erwarten gewesen wäre.

Weshalb dieser Landesteil seinem nahezu ein Jahrhundert alten Ruf mit einem Mal nicht mehr gerecht wurde, darüber hätte man denen in Bukarest viel erzählen können; wahrscheinlich hätten sie dann aber doch nicht hingehört. Als Erklärung stand für sie nun einmal fest: Schuld an allem war dieses zu unrecht gelobte Banat; besser gesagt, das Wasser im Banat!

Hier mußte man ansetzen. Die Planer erhielten ihre Weisungen. Mann wollte selbstverständlich - das war sich die "Diktatur des Proletariats" schuldig - Nägel mit Köpfen machen. Pumpstationen mußten her! Bei Hochwasser war zu entwässern, bei Trockenheit zu berieseln.

Gesagt, getan! Schwierige Arbeiten wurden verrichtet, Material und schließlich die Maschinen durch aufgeweichtes, unter Wasser stehendes Gelände geschafft. In den zwei Wasserbecken der Flüsse Temesch-Bega und Marosch-Aranka standen schließlich hochleistungsfähige Pumpstationen.

Resi hatte sie besucht: bei Bobda und Tolvadia, bei Perjamosch, Tschene, Hatzfeld und Tschanad. Allein... Es gab halt immer und überall ein "Aber". Die Pumpanlagen standen sinnlos da, war doch das gesamte Kanalnetz verschlammt und verstopft.

Die Partei gab sich keineswegs geschlagen. Ihre Parole lautete: "Kampf dem Wasser bis zum Sieg!" Die Partei wollte immer siegen. Dazu war sie ja geistig gerüstet. Ihre Theorie besagte: "Die Idee wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift." Man musste nur den Massen den Kampfeswillen gegen das Wasser vermitteln.

Es war der Primsekretär des Rayonsparteikomitees Großsanktnikolaus, der im Herzstück der Banater Heide die Methode veranschaulichte, wie man die Massen auf dieses "Schlachtfeld" und in den Kampf führt. In der Nacht! Die Männer des "roten Terrors", eine Erfindung Lenins, agierten mit großer Vorliebe nachts; das wirkte einschüchternd und sicherte die Unterwerfung; in der Nacht also hatte man die Leute Haus für Haus darüber verständigt, wann und wo sie mit Spaten und Schaufel zu erscheinen hätten.

Welcher Heimkehrer aus der Rußlanddeportation, der Baragandeportation, vom Donau-Schwarzmeerkanal, aus der Waffen-SS oder wer weiß von wo noch, hätte es zusammen mit seiner Sippe gewagt, diesem resoluten "Ruf" nicht zu folgen?

Nun sollte sie - die Journalistin Resi - schreiben, die Leute wären alle freiwillig dabei; einfach so, aus Liebe zur Partei und zur Sache.

Zunächst hatte man die ersten vier Arbeitsstellen im Rayon Groß­sanktnikolaus eröffnet. Zehntausend Bauern, Bäuerinnen, aber auch Pendler, die täglich in die Stadt zur Arbeit fuhren, waren mit Spaten und Schaufel zum "Kanalgraben" gekommen.

Schon im nächsten Jahr wurden weitere sechsunddreißig Arbeitsstellen eröffnet; alle irgendwie arbeitstauglichen Bewohner der Dörfer - ob Mann, ob Weib, ob jung oder alt - sollten je dreißig Kubikmeter Erde "bewegen", wie das offiziell hieß.

Die Leute fügten sich zähneknirschend. Auflehnen war gefährlich. Doch die Erbitterung über die Sklaverei wuchs.

Immer mehr fraß sich der Gedanke in die Hirne: Weg! In den Westen! In die Freiheit!

Irgendwer hatte einen diesbezüglichen Versuchsballon gestartet. Oder war dies ursprünglich ernst gemeint? Wie immer: Am Volksratsgebäude - dem Bürgermeisteramt - in Lenauheim erschien ein Aushang: Wer sein wiedererhaltenes Haus dem Staat schenke, könne einen Antrag stellen und in die Bundesrepublik Deutschland auswandern.

Die Nachricht verbreitete sich im Fluge. In zwei Tagen hatten nahezu alle Schwaben aus Lenauheim vorgesprochen; sie waren bereit, dem Staat alles, was sie hatten, zu überlassen.

Der Kolchosvorsitzende und Dorfpotentat reiste daraufhin unverzüglich nach Bukarest, zu seinem Duzfreund, dem obersten Genossen in Partei und Staat, und die "Aktion" wurde gestoppt. Viele Banater Schwaben hatten das Nein nicht glauben wollen, so übermächtig war ihr Wunsch, dem staatlichen Diktat ein für allemal zu entkommen. Sie gingen nicht mehr zur Arbeit, schlachteten mitten im Sommer die Schweine, die erst zu Weihnachten hatten dran glauben sollen, packten die Koffer und warteten auf die Ausreise.

Natürlich hatte die Partei Methoden parat, ihnen die Flausen auszutreiben. Das Auswanderungsfieber wurde so ins "Subklinische" gedrängt, doch auszumerzen war es nicht mehr.

Abschnitt 2

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