Kultur
   
ST.Jäger
Mundart N.Lenau

Abschnitt 2


Franz Marschang, Autor mehrerer Bücher und Theaterstücke, schreibt an einer Erzähl-Tetralogie, mit dem Titel Am Wegrand der Geschichte. Aufgearbeitet werden die Ereignisse nach dem II. Weltkrieg, welche die Banater Schwaben (auf dem Territorium Rumäniens) schließlich veranlaßten, ihr mehrhundertjähriges Siedlungsgebiet aufzugeben. Band I und II sind druckreif, an Band III wird eben gearbeitet. Anschließend die Leseprobe 2aus Band II dieser Tetralogie.

***

Eingeengt wie Heringe in der Büchse saßen sie im überfüllten Saal. Der war als Plenarsaal für die Agronomen oder für die Zootechniker und Tierärzte vorgesehen; dass man alle zusammen gleichzeitig zum Trust beorderte, war ungewöhnlich.

Schon einmal hatten sie eine Woche davor hier so eingepfercht gesessen, gleich nachdem Gerd aus Bosowitsch zurückgekehrt war. Anlässlich der Kubakrise hielt die Partei es für angebracht, den Fachleuten aller Bereiche ihre Erläuterung des Sachverhalts einzutrichtern. Im Land wurde zwar regelmäßig an allen Ecken und Enden Politunterricht erteilt, die Kader in der Landwirtschaft - sofern sie keine Parteimitglieder waren - hatte man bis dato damit verschont.

Die Vorkommnisse in der fernen Karibik erschienen indes der Partei gravierend genug, um von dem üblichen abzuweichen. Die Leute im Saal hatten sich schon an manches gewöhnt; es gab keine Unmutsäußerung wegen der Enge oder weil schon mehr als eine Stunde Wartezeit verstrichen war. Und auch über das Ereignis selbst, das sie als Anlass ihrer Versammlung vermuteten, sagte keiner ein Wort. Natürlich hatten sie alle in den letzten Tagen die zugänglichen Meldungen verfolgt, doch bei politischen Ereignissen, vornehmlich solchen von Brisanz, hütete man am besten seine Zunge.

Im Saal war gleichwohl eine gewisse Spannung zu spüren, besser gesagt, eine Erwartungshaltung. Sicher, an die schon länger, gerade auch mit Kuba anstehende Konfrontation zwischen Ost und West hatte man sich gewöhnt. Doch beim letztmaligen Hiersein, da hatte ein Sprecher vom Rayonsparteikomitee vollmundig getönt, regelrecht auf die Pauke gehauen: "Die Sowjetmacht werde denen mal zeigen!..:" Wichtige Entscheidungen waren zu erwarten. Würde der Westen der drohenden Auseinandersetzung ausweichen? Noch standen keine oder ungenügend einsatzbereite Atombombenträger auf Kuba, doch Interkontinentalraketen hatte die Sowjetunion sehr wohl.

Und nun durchpflügte ein sowjetischer Geleitzug von Kriegsschiffen den Atlantik, während ihn die Blockade-Armada der US-Navy erwartete.

Doch was immer diese Akademiker im Plenarsaal des G.A.S.-Trusts in Detta über die Abläufe im fernen Ozean denken mochten, ihre Gespräche drehten sich um sehr banale Alltagsdinge: Aussichten bei der Maisernte, Herbstackerungen, Gesundheitsprobleme in den Tierställen und ähnliches mehr. Hätte ein Nichtzugehöriger beigewohnt, er wäre leicht zum Ergebnis gekommen, diesen Männern und Frauen seien ihre beruflichen Alltagssorgen das Wichtigste.

Gerd kannte die Ereignisse auch von den Informationen her, die ihm sein Rundfunkgerät abends über Mittelwelle aus dem Westen zutrug. Kennedy schien genau so fest entschlossen zu sein wie Chruschtschow.

Er selbst zweifelte nicht daran, dass man sich schon bald arrangieren würde. Wenn es stimmte, dass beide Seiten über genügend Mittel verfügten, die Menschheit auszulöschen, dann würden sie nicht aufeinander losschlagen. Einen Krieg führt man, um etwas zu gewinnen; in einem allgemeinen Chaos lag für keinen eine Gewinnchance.

Neugierig war er aber doch, wie das ausgehen würde. Bei solchen Drohritualen stellte sich letztendlich - jenseits allen Propagandageschreis - heraus, wer sich selbst als stark genug einschätzte, die Probe mit gebleckten Zähnen durchzustehen; wer andererseits den Schwanz einklemmen und sich trollen würde. Das Schlimme an der ganzen Sache war - nach seiner Einschätzung - ganz allgemein die Verschärfung der politischen Großwetterlage; er war überzeugt, seine Chancen, eine Ausreisegenehmigung zu erhalten, hingen von diesen Verhältnissen ab. Insofern war er auch persönlich daran interessiert, dass sich alles zum Besseren wende.

Corinel allerdings saß da wie auf Kohlen. Er war gestern zurückgekehrt. Heute gegen Abend, vielleicht auch zur Nacht, würde der Kuhtransport ankommen; so wenigstens hatten die von der Eisenbahn es versprochen.

Doch das pressierte vorerst nicht so sehr. Die Vorbereitungen dafür waren getroffen; auch würde diese Sitzung hier bis dahin beendet sein. Was ihn nervte, war erneut sein Direktor.

Sie hatten schon vor der Abreise nach Bosowitsch vereinbart, vom Pflanzenbaubetrieb Maislaub für den Winter zu erstehen; auch ungehäckselt und unsiliert galt das als gutes Rinderfutter. Die Silogruben waren voll; weitere Gruben auszuheben fehlte vorerst die Zeit. Corinel hatte auf dem Maislaub bestanden, um einen Teil seiner Silage für Notzeiten im Frühjahr oder Sommer zu schonen. Weidegang konnt er sich keinen leisten; nicht nur, dass ihm Weideflächen fehlten, er sagte auch: "Fünfhundert Kühe, das sind zweitausend Beine, die marschieren; viertausend Klauen die die Grasnarbe zerschneiden. Ich habe weder nordamerikanische Prärieflächen, noch die südamerkianischen Pampasweiten zur Verfügung. Ich brauche Futter im Stall, wenn ich Milch melken will."

Die noch halbgrünen Maisstauden, in Büschel gebunden, hätten vorerst zu Puppen zusammengesetzt werden müssen, um ordentlich zu trocknen; danach hätte man sie in relativ kleinen Schobern lagern müssen.

In Corinels Abwesenheit hatte der Direktor jedoch begonnen, sie einfahren zu lassen, so wie sie geschnitten wurden, und er hatte bestimmt, alles in einen Riesenschober zusammenzusetzen: dreißigmal zwanzig Meter und gute acht Meter hoch.

Die Männer der Feldbaubrigade hatten ihn gewarnt; schließlich gab es im Banat eine langjährige Erfahrung mit dieser Konservierungsart. Direktor Mitrea aber hatte abgewinkt: "Die Maisbüschel aufstellen, damit sie besser geklaut werden können, was?"

Tatsächlich hatte ihn der Kommandierteufel gepackt; er wollte eben auch etwas bestimmen. Und - so ermunterte er sich selbst - in einem so großen Betrieb muss man im großen Stil denken und handeln; nicht wie in der kleinbäuerlichen Wirtschaft.

Eigentlich fehlte ihm aber auch eine richtige Vorstellung von der kleinbäuerlichen Arbeitsweise. Das allerdings wusste hier keiner. So bestand er auf dem was er einmal angeordnet hatte. Auch gegenüber dem zurückkehrenden Corinel. Hatte er denn nicht in den Parteilehrgängen immer wieder gehört: "Ein Leiter, der immerzu seine Anordnungen widerruft, ist ein Chaot" und "Ein Leiter hat seine Untergebenen zu führen, nicht sich von diesen führen zu lassen."

Endlich eröffnete der Personalchef des Trusts die Sitzung. Er palaverte viel hin und her über die politische Weltsituation, über den weltweiten Siegeszug des Sozialismus, über den am Abgrund stehenden Imperialismus und den Weltfeind der Völker Nummer eins: den nordamerikanischen Militarismus der USA, die mit aller Macht die alleinige Weltherrschaft anstrebten, was ihnen jedoch die sozialistische Völkergemeinschaft gehörig vermasseln werde.

Danach schwenkte er um zur friedliebenden Sowjetunion, zur glorreichen Roten Armee, die bereit stünde, wann immer und wo immer die Völker dieser Welt vor den Aggressionsgelüsten des nordamerikanischen Militarismus zu beschützen.

Schließlich fand er einen, wie ihn dünkte, angemessenen Abschluss:

"Genossen," sagte er, und man merkte ihm das Unbehagen an, "die friedliebende und weise Sowjetführung hat in hohem Verantwortungsbewusstsein einen atomaren Krieg, möglicherweise den Untergang der Menschheit und dieser Welt, abgewendet; Genosse Chruschtschow hat den nach Kuba fahrenden Geleitzug zurückbeordert. Die Einheiten der ruhmreichen sowjetischen Seestreitkräfte haben abgedreht und befinden sich auf der Fahrt zu ihren Heimathäfen.

Genossen, wir können beruhigt unsere Arbeit wieder aufnehmen!" Er fischte aus seiner Hose ein Taschentuch und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. Es war tatsächlich recht heiß geworden in dem überfüllten Saal. Es war aber auch sehr, sehr still geworden.

Die einen hatten - vor allem nach dem siegesbewussten Getöse der vorangegangenen Woche - tatsächlich erwartet, der sowjetische Geleitzug würde die amerikanischen "Strolche" vor der kubanischen Küste einfach überrollen; die meisten aber vermochten ihre Genugtuung nur schwer zu verbergen. Es war offensichtlich, das Rayonsparteikomitee hatte nicht mehr das Gesicht gehabt, seinen Sekretär mit dieser Nachricht vor die Leute zu schicken; der Personalchef des Trusts musste die "Hiobsbotschaft" überbringen.

Weder die Enttäuschten und schon gar nicht die Schadenfrohen sagten auch nur ein Wort. Der Saal leerte sich; schweigend bestiegen die Leute ihre Dienstwagen und Pferdekutschen und fuhren zurück in ihre Betriebe.

Hier die Bitte: Gesucht wird ein Verlag, der das Werk herausbringt, oder auch Förderer, die bereit sind, die Drucklegung zu sponsern.

Abschnitt 1

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