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Nikolau
Lenau
STIMME DES
WINDES
In Schlummer
ist der dunkle Wald gesunken,
Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu
neigen,
Den Blütenduft zu tragen, und es schweigen
Im Laub die Vögel und im Teich die
Unken.
Leuchtkäfer nur, wie stille Traumesfunken
Den Schlaf durchgaukelnd, schimmern
in den
Zweigen,
Und süßer Träume ungestörtem Reigen
Ergibt sich meine Seele, schweigenstrunken.
Horch! überraschend saust es in den
Bäumen
Und ruft mich ab von meinen lieben
Träumen,
Ich höre plötzlich ernste Stimmen
sprechen;
Die aufgeschreckte Seele lauscht dem
Winde
Wie Worten ihres Vaters, der dem Kinde
Zuruft, vom Spiele heimwärts aufzubrechen.
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STIMME DES
REGENS
Die Lüfte
rasten auf der weiten Heide,
Die Disteln sind so regungslos zu
schauen,
So starr, als wären sie aus Stein
gehauen,
Bis sie der Wandrer streift mit seinem
Kleide.
Und Erd' und Himmel haben keine Scheide,
In eins gefallen sind die nebelgrauen,
Zwei Freunden gleich, die sich ihr
Leid vertrauen.
Und Mein und Dein vergessen traurig
beide.
Nun plötzlich wankt die Distel hin
und wider,
Und heftig rauschend bricht der Regen
nieder,
Wie laute Antwort auf ein stummes
Fragen.
Der Wandrer hört den Regen niederbrausen,
Er hört die windgepeitschte Distel
sausen,
Und eine Wehmut fühlt er, nicht zu
sagen.
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STIMME DER
GLOCKEN
Den glatten
See kein Windeshauch verknittert,
Das Hochigebirg', die Tannen, Klippen,
Buchten,
Die Gletscher, die von Wolken nur
besuchten,
Sie spiegeln sich im Wasser unzersplittert.
Das dürre Blatt vom Baume hörbar zittert,
Und hörbar rieselt nieder in die Schluchten
Das kleinste Steinchen, das auf ihren
Fluchten
Die Gemse schnellt, wenn sie den Jäger
wittert.
Horch! Glocken, in der weiten Ferne
tönend,
Den Gram mir weckend und zugleich
versöhnend,
Dort auf der Wiese weiden Alpenkühe.
Das Läuten mahnt mich leise an den
Frieden,
Der von der Erd' auf immer ist geschieden
Schon in der ersten Paradiesesfrühe.
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STIMME DES
KINDES
Ein schlafend
Kind! o still! in diesen Zügen
Könnt ihr das Paradies zurückbeschwören;
Es lächelt süß, als lauscht' es Engelschören,
Den Mund umsäuselt himmlisches Vergnügen.
O schweige' Welt' mit deinen lauten
Lügen,
Die Wahrheit dieses Traumes nicht
zu stören!
Laß mich das Kind im Traume sprechen
hören,
Und mich, vergessend, in die Unschuld
fügen!
Das Kind, nicht ahnend mein bewegtes
Lauschen,
Mit dunklen Lauten hat mein Herz gesegnet,
Mehr als im stillen Wald des Baumes
Rauschen;
Ein tiefres Heimweh hat mich überfallen,
Als wenn es auf die stille Heide regnet.
Wenn im Gebirg' die fernen Glocken
hallen.
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